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Coole Geschichten für clevere Leser
Henry Slesar
EUR 0,00 (0 Seiten)

Fies. Cool. Intelligent. Und mit einer Prise schwarzem Humor:
28 Kurzgeschichten in einem Band! 
Henry Slesar schildert kühl und in liebevoller Hingabe zum Detail, wie jedermann mit Geschick und ein paar Handgriffen, schon mit einer 45er Automatic, Umgänglichkeit, Gift, Nonchalance, Bluff, Sprachkenntnissen, Unfällen, Ideenreichtum, Psychoterror, Materialschäden, Predigten oder gutem Zureden all die kleinen Unzulänglichkeiten des Alltags viel besser bewältigt, wenn nur alles klappt …

> Alle Geschichten erschienen bisher nur in amerikanischen Zeitschriften – die meisten in “Alfred Hitchcock’s Mystery Magazine”, und wurden erstmals 1981 in der gebundenen Ausgabe bei Diogenes veröffentlicht. Jetzt zum ersten Mal als eBook erhältlich!

Diese Edition beinhaltet folgende 28 Kurzgeschichten:
“Drei Meilen bis Marleybone”, “Letzte Abrechung”, “Der Handschuhtäter”, “Verlorene Hoffnung”, “Graben tut not”, “Die Dame und der Jüngling”, “Willkommen in unserer Bank”, “Leichenschau”, “Der Blick des Witwers”, “Veranstaltungen an Bord”, “Der letzte Drink”, “Die Sherlock-Methode”, “Liebling, ich bin tot”, “Mit gefällt’s in Wilmington”, “Triumpfzug”, “Gombers Armee”, “Falsche Perlen”, “Anweisung irgnorieren”, “Schuldiger gesucht”, “Kompliment an den Chef”, “Die Abrechnung”, “Muttergeist”, “Auftritt für die Verteidigung”, “Job für einen Amateur”, “Herzenssache”, “Der geheime Kummer”, “Lob und Preis des Bösen” und “Letztes Glück”.

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Ruby Martinson. Vierzehn Geschichten vom größten erfolglosen Verbrecher der WeltCoole Geschichten für clevere Leser

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“Der letzte Drink”
Kurzgeschichte von Henry Slesar

»Langsam einschenken«, sagte Del Harmon, legte die Daumen zusammen und rahmte damit das Bild des Barmannes und der Flasche ein. »Ich möchte Sie so in Erinnerung behalten.« Er kicherte albern, und die Ellenbogen, die ihn stützten, rutschten auf der feuchten Fläche der Bar zur Seite. Rudy der Barmixer reagierte nur mit einem Grinsen, doch Bob Pitter von der Agentur, der mit ernstem Blick neben Del saß, wurde nervös. Er packte den anderen am Arm und sagte: »He, jetzt reicht’s aber. Lass den Drink doch sausen!«

»Du verstehst gar nichts«, sagte Del und betonte jede Silbe. »Das hier ist nicht irgendein Drink, mein lieber Bobby; es ist der letzte Drink einer langen, langen Reihe. Hab ich nicht recht, Rudy?«

»Jawohl, Sir, Mr. Harmon«, antwortete der Barmixer und blinzelte Pitter zu. »Eine lange Reihe Drinks, das ist richtig. Aber der letzte?«

»Der letzte«, sagte Del durchdringend. »Der absolut letzte, mein guter Freund.« Er setzte das kleine Glas an die Lippen, warf den Kopf zurück und ließ die braune Flüssigkeit in seinem Hals verschwinden. Er schloss die Augen, als genösse er die Reise des Alkohols in sein Inneres, und wirkte im nächsten Augenblick so nüchtern wie noch nie an diesem Abend. »Der letzte Drink«, wiederholte er. »Du müsstest dich eigentlich darüber freuen. Vielleicht kriege ich deine Filmchen nun doch noch fertig, vielleicht brauchst du meine Aufträge gar nicht zu streichen.«

»Wer, ich? Du hast doch Schluss gemacht, Del! Du könntest haufenweise Werbefilme für mich drehen, wenn du nur wolltest.«

»Alles wird anders«, sagte Del ernst und rückte seine gestreifte Krawatte zurecht. »Ich sage dir, ich werde mich ändern. Keine Sauftouren mehr, keine Frauen mehr, alles ganz tugendhaft. Nüchtern, fleißig, was du willst – ich stehe an vorderster Front.« Er setzte ein jungenhaftes Grinsen auf, das sein langes, flaches Gesicht plötzlich attraktiv wirken ließ. »Und jetzt fahre ich nach Hause«, verkündete er. »Nach Hause zu Alma.«

»Alma?« Bob Pitter zuckte zusammen. »Hast du Alma gesagt? Ich dachte, es wäre zwischen euch beiden aus.«

»War«, berichtigte Del. »Wir sind wieder zusammen, alter Freund, vereint unter dem Banner der Ehe.« Seine Stimme verlor den spöttischen Ton. »Ich habe mich letztes Wochenende lange mit ihr unterhalten, wir haben uns gründlich ausgesprochen, Bob. Sie hat mir vor Augen geführt, was für ein Schweinehund ich gewesen bin; obwohl mir das eigentlich niemand zu sagen brauchte. Jedenfalls habe ich ihr ein Versprechen gegeben, das ich halten werde. Und damit fängt es an.« Mit dem Daumen wies er auf die Flaschen, die hinter der Bar schimmerten, und griff nach der Brieftasche.

»Lass mich bezahlen«, sagte Bob.

»O nein. Das muss ganz offiziell vor sich gehen. Ich muss dafür bezahlen, begreifst du?« Und er beglich die Rechnung – für den letzten wie für alle vorausgegangenen Drinks. Zuletzt legte er einen Fünfdollarschein auf den Stapel. »Das ist für Sie, Rudy«, sagte er. »Als Ausgleich dafür, dass Sie nun einen Kunden verlieren.«

»O ja«, sagte Rudy nickend. »Vielen Dank, Mr. Harmon.«

Auf der Straße stolperte Del und wäre fast gestürzt. Pitter hielt ihn gerade noch fest und sagte: »Ob das nun der letzte Drink war oder nicht, du bist auf jeden Fall sternhagelvoll. Willst du in diesem Zustand wirklich zu Alma?«

»Das schaffe ich schon«, sagte Del und lachte. »Wenn ich zu Hause ankomme, bin ich bestimmt stocknüchtern. So eine Zugfahrt wirkt Wunder.«

»Soll ich dich zum Bahnhof bringen?«

»Nein, geh nur nach Hause, Bob. Du glücklicher Stadtmensch. Ich wette, vor deiner Tür sitzt schon eine hübsche Blonde.«

Pitter lachte. »Das Glück möchte ich mal haben! Aber wenn du wirklich Schluss machst, kannst du mir ja deine Abgelegten überlassen …«

»Von mir aus, Kumpel, kannst sie alle haben! Ich will nur noch Alma, meine süße kleine Alma …«

»Mann, du bist ja wirklich total umgekrempelt!«

»Ich bin verliebt«, antwortete Del und blickte ihn ernst an. »Ich liebe meine Frau. Ehrlich, ich liebe sie.« Tränen standen in seinen Augen, und Bob Pitter wandte verlegen den Blick ab. Dann schlug er seinen Freund auf die Schulter und fuhr nach Hause.

 

Del hatte sich geirrt. Die Zugfahrt ernüchterte ihn keineswegs, sondern ließ ihn in einen unruhigen, wenig erfrischenden Schlaf sinken. Als ihn der Schaffner kurz vor North White Plains wach schüttelte, reagierte er völlig verschlafen. Der Tritt des Zuges kam ihm zweimal so hoch vor wie üblich; nur dem Schutzengel aller Betrunkenen war es zu verdanken, dass er sich nicht das Bein brach oder das Fußgelenk verstauchte.

Auf dem Parkplatz belebte ihn die kühle Nachtbrise. Doch als er schließlich den Wagen fand, den niedrigen Zweisitzer, den er liebevoll T-Bird nannte, gelang es ihm nicht, Schloss und Schlüssel zusammenzubringen. Er verwünschte seine unsichere Hand, verwünschte Henry Ford und die sechs Meilen, die ihn noch von zu Hause trennten. Von zu Hause und Alma. Der Gedanke an seine Frau ernüchterte ihn.

»Alma«, sagte er laut, startete den Wagen und fuhr auf die Schnellstraße. Ehrfürchtig wiederholte er den Namen. Ihm war ehrfürchtig zumute. Nach zweijähriger Ehe hatte er plötzlich den wirklichen Sinn, die wahre Freude des Zusammenseins mit seiner Frau entdeckt. Als der Kummer begann, hatte er gemeint, es läge an seinem hektischen Beruf, an der Herstellung von Werbefilmen für das Fernsehen: der ständige Druck, der aufreibende Konflikt zwischen Werbeagenturen und Klienten, der von beiden Seiten über ihn hereinbrach. Es war der Beruf, der das Trinken zur Notwendigkeit erhob, der Überstunden unvermeidlich machte, der ihn unweigerlich mit anderen Frauen zusammenführte. Inzwischen wusste er, dass die Schuld bei ihm lag, dass er sich gegen den Gedanken einer Ehe gewehrt hatte. Diesen Kampf hatte er inzwischen überwunden. Er brauchte Alma. Er liebte Alma.

»Alma, ich liebe dich!«, sagte er in die Nacht, und sentimentale Tränen ließen die Straße vor dem Wagen verschwimmen.

Die Umgebung war immer noch undeutlich, als er auf die ungepflasterte Straße abbog, die seinen Heimweg um eine halbe Meile verkürzte. Er wollte möglichst schnell nach Hause; er hatte Alma versprochen, um acht Uhr da zu sein.

Er hatte noch immer Tränen in den Augen, als der grün-weiße Blitz über die Straße zuckte. Einen Sekundenbruchteil lang ließen die Scheinwerfer des T-Bird das Phantom deutlich hervortreten, das wirbelnde weiße Kleid und den grünen Pullover der Frau, die neben dem defekten Auto stand. Erst später machte er sich klar, wie dicht am Straßenrand er gefahren war und dass er einen Ruck gespürt und ein dumpfes Geräusch gehört hatte – die Folgen eines Zusammenstoßes. Aber das war später. Zunächst raste er mit aufheulendem Motor von der Stelle fort, auf der Flucht vor einem Ereignis, das zu schrecklich war, als dass er sich damit befassen konnte.

Nach einer Weile wurden seine Gedanken wieder klar, und er verlangsamte die Fahrt. Schließlich stoppte er den Wagen und zündete sich eine Zigarette an. Er dachte über den Vorfall nach und wusste sofort, dass er etwas unternehmen musste.

»Was soll ich tun?«, flüsterte er. »Zum Teufel, was soll ich tun?«

Dann kam ihm der Gedanke, dass die Frau vielleicht noch lebte und Hilfe brauchte.

»Vielleicht hat sie ja nur eine Prellung«, sagte er. »Kommt ja immer wieder vor. Ein bisschen gestreift, nicht weiter schlimm. Ich bin ja gar nicht so schnell gefahren.«

Er warf die Zigarette aus dem Fenster.

»Ich muss zurück«, sagte er und widersetzte sich einer leisen Stimme in seinem Kopf, die sich nach dem Grund erkundigte.

Er legte den Rückwärtsgang ein und wendete auf dem weichen Seitenstreifen des Weges. Dann fuhr er zurück.

Als Erstes sah er den Wagen, einen dunkelgrünen Plymouth, nicht gerade neu. Sämtliche Lichter waren abgeschaltet. Von der Frau war nichts zu sehen, und schon rührte sich in ihm die Hoffnung, dass sie einfach aufgestanden war, sich abgestäubt hatte und bereits Hilfe holen ging.

Er stellte den T-Bird auf der anderen Seite ab und stieg aus.

Die Frau fand er fast dreißig Meter von ihrem Wagen entfernt. Sie war in das weiche Laub geschleudert worden, das den Weg säumte; als er ihr unverletztes Gesicht bemerkte, hoffte er, sie könne noch am Leben sein. Aber dann bemerkte er die blutigen Arme, das blutverschmierte Kleid, die unnatürliche Stellung ihres Körpers. Sie war tot. Er hob sie hoch (sie war leicht und zerbrechlich, so mühelos zu heben wie Alma) und trug sie zu den Autos.

Im Scheinwerferlicht sah er ihr Gesicht. Sie war eine hübsche Frau Anfang dreißig, eine Frau, die wohl recht attraktiv gewesen wäre, hätte der Tod nicht jeden Gesichtsausdruck ausgelöscht.

Zum ersten Mal betrachtete er das Vorderteil seines Autos und bemerkte die eindeutigen Spuren des Zusammenstoßes. Der Anblick des zerdrückten Metalls war womöglich noch schlimmer als die tote Frau in seinen Armen.

Panik ergriff ihn, eine Panik, gegen die er sich nicht wehrte. Er zitterte so heftig, dass er die geringe Last nicht mehr zu halten vermochte; er legte sie auf den Boden, ließ sich auf die Knie fallen, barg das Gesicht in den Händen und begann zu stöhnen. Aber er klagte nicht um sie; sie war eine Fremde. Die Klagelaute galten ihm selbst, seinem Pech und seiner Alma. Unfair! Ja, es war unfair! Dass so etwas gerade jetzt passieren musste, kaum dass er sich entschlossen hatte, ein neues Leben zu beginnen …

Er stand auf und blickte auf die Tote hinab, und seine Lippen verzogen sich zu einem Ausdruck, der nur Entrüstung genannt werden konnte.

»Idiotin!«, murmelte er. »Alte Idiotin …«

Sein Blick fiel auf das verlassene Auto der Frau. Plötzlich erfüllte ihn der Drang, sie auf den Fahrersitz zu heben, wohin sie gehörte, und sie einfach sitzen zu lassen und zu vergessen. Sie hatte kein Recht, nachts auf der Straße zu stehen, ohne Licht, ohne Warnzeichen … Ihre eigene Schuld. Warum benahm sie sich so dämlich!

Er ging zum Plymouth und öffnete die Tür. Der Schlüssel steckte in der Zündung; er drehte ihn, doch es geschah nichts. Batterie, dachte er.

Schließlich setzte er sie doch nicht in ihren Wagen oder ließ sie am Ort des Geschehens zurück. Damit war nichts gelöst. Man würde sie finden und sofort wissen, wie sie gestorben war. Daraufhin würde man ermitteln, wer diesen Weg jeden Abend befuhr, und feststellen, dass er im Zug gewesen war. Dann war es nur noch ein kleiner Schritt bis zu seinem beschädigten T-Bird und unangenehmen Fragen – und wenn es erst so weit war, konnte er seine Schuld nicht verbergen. Das konnte er einfach nicht.

Zeit!, dachte Del Harmon. Er brauchte Zeit. Das war die Lösung! Wenn die Frau nicht sofort gefunden wurde, hatte er Zeit, seine Spuren zu verwischen, jede Verbindung zwischen seiner Fahrt und ihrem Tod auszulöschen …

Er bückte sich und hievte die Frau erneut empor. Seltsamerweise kam sie ihm plötzlich schwerer vor. Er brachte sie zum T-Bird und öffnete die rechte Tür. Nicht ohne Mühe drückte er sie in den schmalen Vordersitz. Sie sank nicht nach vorn; der Schalensitz hielt sie fest; auf den ersten Blick sah sie wie eine erschöpfte Beifahrerin aus. Er ging um den Wagen herum und setzte sich wieder hinter das Steuer.

Er wusste nicht, wohin er fuhr; ihn erfüllte ein einziger Gedanke: Er musste fort von dem verlassenen Plymouth. Viele Meilen fort, auf eine abgelegene Straße, die ebenso einsam und bewaldet war wie der Weg, auf dem die Tragödie geschehen war. Ein Ort, an dem er seine Beifahrerin loswerden konnte, eine einsame Stelle, wo die Leiche jahrelang modern konnte, ohne entdeckt zu werden …

Der Weg endete, und er bog auf die Hauptstraße ein. Bis zu der Siedlung, in der er wohnte, war es nur noch eine Meile, eine Meile bis Alma, aber dorthin konnte er jetzt nicht. Der Gedanke war die reinste Qual: Die Zuflucht war so nahe und doch so unnahbar. Er raste durch die Vorortstraßen, fluchte über die rote Ampel, die ihn aufhielt, und ließ bei Grün den Motor aufheulen. Die hell erleuchteten Häuser, an denen er vorbeiraste, kamen ihm so gemütlich und voller häuslicher Freude vor, dass Neid ihn erfüllte – und ein irrationaler Hass auf die Fremde neben sich.

Er wusste nicht, wie weit er fuhr; er blickte nicht auf den Meilenzähler. Er erkannte die Pulham-Brücke, die sich fünfzehn Meilen entfernt im Norden befand; anschließend fuhr er noch eine halbe Stunde. Er fuhr immer weiter, auf der Suche nach Seitenwegen, bis er schließlich auf einer unbekannten Landstraße ein Schild fand mit einer Warnung vor einer unfertigen Straße, die ins Nichts führte. Und dorthin wollte er, ins Nichts; er fuhr den Weg bis zu seinem verlassenen Ende, stoppte den Wagen und schaltete die Lichter aus.

Dann zerrte er die Leiche der Frau ins Freie und trug sie tief ins Unterholz.

Dort ließ er sie liegen, bedeckt mit Blättern und Ästen und hastig zusammengekratzter Erde, wie etwas Widerliches, Abscheuliches. Zuletzt kehrte er zum T-Bird zurück, ließ den Motor an und fuhr langsam zur Hauptstraße zurück.

 

Es war kurz vor Mitternacht, als die Siedlung vor ihm auftauchte; fast drei Stunden waren vergangen seit dem Augenblick, da er das grün-weiße Aufblitzen gesehen hatte.

Als er das sanft geneigte Dach seines Hauses und den gewundenen Holzzaun mit den Rosenranken erblickte, saß ihm ein dicker Kloß im Hals, und seine Augen brannten. Die Fenster waren dunkel; Alma hatte nicht auf ihn gewartet, aber das war durchaus in Ordnung. Er würde ins Schlafzimmer gehen und sie mit einem Kuss auf die glatte Wange wecken. Dann wollte er sich auf die Bettkante setzen und ihre Hand halten und sich leise mit ihr über die Dinge unterhalten, die für sie beide wichtig waren, über seine neuen Vorsätze, seine Versprechungen für die Zukunft …

Er lenkte den Wagen in die Auffahrt. Da die Garagentür geschlossen war, stoppte er den T-Bird, schaltete den Leerlauf ein und stieg mühsam aus. Er legte die Finger um den Türgriff und ruckte ihn nach oben, doch die Tür rührte sich nicht. Sie war verschlossen.

Er vergaß die zärtlichen Gedanken, die er eben noch gehabt hatte, und begann Alma zu verwünschen. Wie dumm von ihr – typisch! Er blickte zum Auto zurück, das in der Auffahrt stand, auf die verräterischen Spuren des Zusammenstoßes an Kotflügel und Motorhaube, und fluchte über die Gedankenlosigkeit seiner Frau. Er schaltete den Motor ab und ging zur Haustür. Erst jetzt fiel ihm ein, dass er ja gar keinen Schlüssel hatte, dass er seit der Trennung vor sechs Monaten keinen Schlüssel mehr besaß. Sich leise ins Schlafzimmer zu schleichen und ihr einen Kuss auf die Wange zu geben – davon konnte keine Rede mehr sein. Er musste klingeln.

Und er klingelte.

Als sie nicht herunterkam und hinter den oberen Fenstern auch kein Licht erschien, läutete er zum zweiten Mal. Noch immer keine Antwort, und er begann energisch an die Tür zu klopfen.

»Alma!«, flüsterte er heiser. »Ich bin es, Del!«

Endlich erschien ein Lichtfleck auf dem Rasen. Er trat von der Haustür zurück und sah den schwachen gelben Schimmer hinter dem Rouleau des Schlafzimmers. Wieder klingelte er.

»Del?«, ertönte da ihre Stimme. Dann sagte sie unfassbarerweise: »Verschwinde …«

Es war ein kaum hörbares Flüstern hinter der Tür. Im ersten Augenblick glaubte er seinen Ohren nicht zu trauen, doch als er wieder klingelte, sagte sie:

»Verschwinde endlich, Del! Hörst du? Fahr weiter!«

»Alma! Alma, ich bin es doch!«

»Das weiß ich. Aber ich lasse dich nicht ins Haus, Del. Es hat keinen Sinn, dass du Theater machst.«

»Aber du musst mich einlassen! Alma, um Himmels willen …«

»Verschwinde!«, kreischte sie. Dann herrschte Stille.

Wieder drückte er auf den Klingelknopf, diesmal in kurzen Abständen. Er hämmerte gegen die Tür, bis sie in den Angeln erbebte, doch von der anderen Seite waren keine Worte mehr zu hören. Das schräge Lichtrechteck, das auf den Rasen geworfen wurde, verschwand.

»Alma!«, brüllte er. »Alma, lass mich rein!«

Zwanzig Minuten lang hämmerte er vergeblich gegen die Tür, ohne sich darum zu kümmern, dass die Nachbarn Licht zu machen begannen, dass zornige Stimmen durch die Nacht hallten und ihm rieten, endlich den Mund zu halten und zu verschwinden, und ihm schließlich sogar Gewalt und die Polizei androhten. In seiner Verzweiflung probierte er es an der Hintertür und fand sie versperrt. Daraufhin versuchte er das Küchenfenster aufzubrechen, doch ohne Erfolg.

Als er wieder nach vorn kam, näherte sich ein grau-weißes Auto, in langsamer Fahrt, unheildrohend. Auf der Vorderbank saßen zwei Uniformierte.

 

Es blieb keine Zeit für Erklärungen, keine Zeit, den Beamten zu erklären, was er verständlich machen musste. Sie waren zu neugierig, zu misstrauisch: Der T-Bird in der Auffahrt wurde zum Ziel ihrer hellen Taschenlampen, ehe er die richtigen Worte fand, sie fortzuschicken. »He, Petey, sieh dir das an!«, sagte der eine Beamte, und sein Licht zuckte über den zerdrückten Kotflügel des Zweisitzers. »Ist das Ihr Wagen, Mister?«

Er vermochte nicht gefasst zu antworten; sie sahen sein bleiches Gesicht und seine zitternden Lippen und ahnten, dass er mehr war als ein aufgebrachter Ehemann. Sie untersuchten den Sitz des T-Bird, und im Licht der Taschenlampe leuchteten die Blutflecke erschreckend rot auf dem beigefarbenen Polster. Noch einmal sahen sich die Beamten die Front des Wagens an und wandten sich dann an Del, der nur noch stammeln konnte.

»Ich bin schuldlos, ehrlich! Ich bin schuldlos. Es war ein Unfall …«

Zehn Minuten später saß er zusammengesunken und schicksalsergeben im Rücksitz des Streifenwagens und dirigierte die Beamten zu der einsamen Stelle, wo er seine Schande und seine Schuld hatte verstecken wollen.

 

Ein einziger Trost blieb ihm: Als sie von seiner Verhaftung erfuhr, besuchte ihn Alma. Bei ihrem Anblick begann Del fast zu weinen und verwünschte die Drahtmaschen, die sie trennten. Er steckte die Finger durch das Geflecht und berührte ihre Hand.

»Warum hast du es getan, Alma?«, fragte er. »Warum hast du mich ausgesperrt? Ich weiß, ich kam zu spät, viele Stunden zu spät. Aber das war doch nicht Grund genug …«

»Das war es auch nicht, Del.«

»Was dann? Was hat dich dazu gebracht?«

Sie wandte den Blick ab. »Margie Wright. Sie hat es getan, Del. Sie ist schuld.«

»Wright? Du meinst die alte Schachtel aus dem Bridgeklub?«

Sie nickte. »Sie – sie rief mich gegen halb zehn an und sagte, sie müsse mir etwas sagen, in meinem eigenen Interesse. Etwas, das ich wissen müsste.«

»Wissen? Was denn wissen?«

»Margie war draußen vor ihrem Haus und rollte gerade den Gartenschlauch ein oder so, als sie deinen Wagen vorbeifahren sah. Sie erkannte den Wagen, sie erkannte dich. Und sie sagte« – Alma verdeckte die Augen – »du hättest eine Frau im Wagen. Eine fremde Frau, und sehr hübsch.«

 

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Henry Slesar
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