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Der Gehängte

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"Ein Roman, der einen zutiefst verstört" (S.F.C.)

Der Gehängte
Shirley Jackson
EUR 3,99 (335 Seiten)

Freund oder Feind? Natalie wächst in der behüteten Atmosphäre eines exzentrischen Elternhauses auf. Ihr Vater ist Schriftsteller und sieht seine Tochter bereits als junge Berühmtheit. Um ihre künstlerische Persönlichkeit zu festigen, hat der Vater eine harte Bewährungsprobe für sie vorgesehen. Natalie, die es gewohnt war, ihren Tagträumen und Fluchtfantasien nachzuhängen, wird auf dem Collge – in der dumpfen Atmosphäre pupertärer Mädchengrausamkeiten – vollkommen zur Außenseiterin. Da fällt ihr Tony auf, und die beiden entdecken ihre Seelenverwandtschaft und dieselbe leicht reizbare Psyche …

»Shirley Jackson dringt weit hinter das Gewöhnliche vor, aber man zweifelt an keinem einzigen Wort, das sie schreibt.«
– The New York Times

»Der Gehängte ist ein Roman, der einen zutiefst verstört.«
– San Francisco Chronicle

Der Gehängte
Shirley Jackson
EUR 3,99 (335 Seiten)

Der Gehängte

Freund oder Feind? Natalie wächst in der behüteten Atmosphäre eines exzentrischen Elternhauses auf. Ihr Vater ist Schriftsteller und sieht seine Tochter bereits als junge Berühmtheit. Um ihre künstlerische Persönlichkeit zu festigen, hat der Vater eine harte Bewährungsprobe für sie vorgesehen. Natalie, die es gewohnt war, ihren Tagträumen und Fluchtfantasien nachzuhängen, wird auf dem Collge – in der dumpfen Atmosphäre pupertärer Mädchengrausamkeiten – vollkommen zur Außenseiterin. Da fällt ihr Tony auf, und die beiden entdecken ihre Seelenverwandtschaft und dieselbe leicht reizbare Psyche …

»Shirley Jackson dringt weit hinter das Gewöhnliche vor, aber man zweifelt an keinem einzigen Wort, das sie schreibt.«
– The New York Times

»Der Gehängte ist ein Roman, der einen zutiefst verstört.«
– San Francisco Chronicle

Wir haben schon immer im Schloss gelebtSpuk in Hill HouseDer GehängteDie Teufelsbraut (25 Kurzgeschichten)

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Er las weiter, und Natalie sah sich im Zimmer um; die Leiche würde natürlich dort drüben liegen, zwischen dem Bücherschrank mit den Werken über Dämonologie und dem Fenster, dessen schwere Vorhänge man zuziehen konnte, um etwaige ruchlose Taten zu verhüllen. Sie würde man am Schreibtisch finden, keine zwei Meter von der Leiche entfernt, eine Hand auf der Kante, um sich zu stützen, mit weißem, vom Schreien verzerrtem Gesicht. Sie würde nicht erklären können, wie das Blut an ihre Hände gekommen war, auf ihr Kleid, auf die Schuhe, wieso der Teppich zu ihren Füßen blutgetränkt war und auf dem Schreibtisch, dort, wo sich ihre Hand befand, zwischen den verstreuten Papieren ein verschmierter Blutfleck war.
»O nein«, sagte ihr Vater. »Nicht gut aussehend. Das bestreite ich ganz entschieden.«
»Aber ich habe es etwas zurückgenommen«, sagte Natalie. Sie wählte ihre Worte mit einer gewissen Bosheit. »Ich betone, dass gutes Aussehen zum großen Teil Arroganz ist; dass heutzutage so wenige Leute wirklich arrogant sind, dass eine arrogante Person den Eindruck von Schönheit hervorruft. Mir hat die Idee gefallen.«
»Es ist ein ungewöhnlicher Gedanke«, sagte ihr Vater nachdenklich. »Ich bin mir nicht sicher, aber jedenfalls bist du zu jung dafür.« Er schob das Notizbuch ein Stück von der Schreibtischkante weg, damit er seine Ellbogen aufstützen konnte. »Nun«, sagte er.
Natalie machte es sich bequem und sah ihn an.
»Zunächst einmal«, sagte Mr. Waite und wählte dabei sorgfältig seine Worte, »zunächst einmal werde ich mich mit deiner ganzen Attacke in Bezug auf das Problem der Beschreibung anlegen. Von keiner Beschreibung kann man sagen, dass sie etwas beschreibt – und darauf habe ich dich schon früher hingewiesen –, wenn sie gewissermaßen frei schwebend in der Luft hängt. Sie muss an etwas geknüpft sein, um nützlich zu sein. Das hast du anscheinend bei deiner Aufgabe für heute versäumt.«
»Aber ich dachte, du hättest gesagt –«, fing Natalie an, doch ihr Vater hielt die Hand in die Höhe; er mochte es nicht, wenn man ihn unterbrach.
»Anscheinend, habe ich gesagt«, fuhr er fort. »Ich glaube nicht, dass du dir ganz darüber im Klaren bist, wie viel Arbeit du in diese kleine Skizze gesteckt hast. Unter anderen Umständen hätte es keine Bedeutung, dass du ihr so viel Gewicht beigemessen hast, aber ich habe dir diese Aufgabe mit Absicht gegeben, um dich auf die Probe zu stellen, und du hast genau das getan, was ich erwartet habe.« Er hielt inne und überlegte. »Versteh mich recht«, sagte er schließlich, »ich habe nichts an deiner Interpretation auszusetzen. Natürlich steht es dir völlig frei, was immer du willst über mich oder sonst wen zu schreiben. Es ist in meinem Interesse, dass du schreibst, was dir gefällt, und dich dazu zu ermutigen, mehr zu schreiben. Aber du musst, wenn du je eine gute Schriftstellerin sein willst, deine eigenen Motive verstehen.«
Er unterbrach sich und zündete sich feierlich eine weitere Zigarette an. Dann faltete er die Hände über dem Notizbuch und sah Natalie freimütig an, während die Zigarette im Aschenbecher dekorativ vor sich hin qualmte und der Rauch, der an seinem Kopf vorbei aufstieg, und das viereckige Fenster auf der anderen Seite einen hübschen Rahmen bildeten.
»Ich bin kein eitler Mensch«, sagte er langsam. »Ich hege keine unangebrachte Wertschätzung meiner selbst. Tatsächlich würde meine eigene Beschreibung meiner Person viel kritischer ausfallen als deine. Zum Beispiel erwähnst du nicht meine Kleinlichkeit, auch wenn du sie andeutest in deinen Bemerkungen über die Tatsache –«, er konsultierte das Notizbuch, »–, dass ich ›Handlungen durch Wörter ersetze‹. Du übersiehst eines meiner hervorstechendsten Merkmale, nämlich eine brutale Aufrichtigkeit, die so schonungslos ist, dass sie mir, auf mich angewandt, ein Bild wiedergibt, auf das ich nicht stolz sein kann, obwohl du mich einen stolzen Menschen nennst. Mein aufrichtiges Bild von mir selbst hat mich dazu gebracht, nicht so hoch wie viele meiner Zeitgenossen zu zielen, denn ich kenne meine eigenen Fehler und Mängel, und in einem landläufigen Sinn bin ich infolgedessen in vieler Hinsicht weniger erfolgreich. Da sie von ihren eigenen Unzulänglichkeiten nichts wissen, sind sie in der Lage, blindlings auf Eroberungen auszugehen, während ich aufgrund meiner Selbstzweifel stets zögere, meine Chancen verliere und strauchele. Du erwähnst nicht – und ich bin mir jetzt selbst gegenüber genauso brutal aufrichtig –, dass ich nicht immer so nett zu meiner Familie bin, wie ich es eigentlich sein sollte, weil ich mich vielleicht zu sehr um meine eigenen Gefühle kümmere auf Kosten derer meiner Familie – auch wenn ich, um die bittere Wahrheit auszusprechen, keine mit großen Gefühlen ausgestattete Person bin, und folglich kann ich ebenso wenig groß sein, wie ich sentimental sein kann.« Er schien in dieser Tonart, die er gerne anschlug, weitermachen zu wollen, besann sich dann aber anders und sagte gequält: »Mit jedem Wort offenbare ich mich mehr. Ich bin aufrichtig, Natalie, manchmal schäme ich mich dessen.«
»Ich schäme mich immer, wenn ich aufrichtig bin«, sagte Natalie.
»Tatsächlich?«, fragte er interessiert. »Weißt du, wann du aufrichtig bist?«
»Meistens«, sagte Natalie. »Wenn ich selbst überrascht bin, wenn ich etwas denke oder sage, dann bin ich aufrichtig.«
Er nickte lachend und sagte dann: »Du bringst mir so viel bei wie ich dir, meine Liebe.« Sie schwiegen beide eine Weile und zählten im Geist ihre persönlichen Tugenden auf, und dann fuhr er in vertraulichem Ton fort: »Natalie«, sagte er feierlich, »mittlerweile weißt du, dass es für Mädchen normal ist, irgendwann während des Erwachsenwerdens ihren Vater zu hassen. Ich finde mich nun damit ab, dass du im jetzigen Abschnitt deines Lebens anfängst, mich zu hassen.«
»Nein«, sagte Natalie. Sie blickte ihn an. »Natürlich hasse ich dich nicht«, sagte sie. Die Bemerkung war im Zusammenhang mit ihrer Diskussion so automatisch gefallen, dass es einen Augenblick dauerte, bevor ihr einfiel, »Ich liebe dich« zu sagen.
Er schüttelte betrübt den Kopf. »Als du geboren wurdest und als Bud geboren wurde, wurde mir bewusst – deiner Mutter freilich nicht –, dass eine Zeit kommen würde, wenn ihr beide euch gegen uns auflehnen und uns für das, was wir verkörpern, hassen und darum kämpfen würdet, euch von uns zu befreien; diese Reaktion ist so normal, dass ich mich schäme, dass es mir jetzt, da ich sie schließlich am eigenen Leib spüre, einen Stich ins Herz gibt; es hat lange gedauert, aber ich bin so wenig darauf vorbereitet wie eh und je. Du darfst nicht vergessen, Natalie, dass das natürlich ist, dass der Hass auf mich nicht bedeutet, dass du als Person mich als Person hasst, sondern nur, dass ein Kind, das normal aufwächst, eine Phase durchläuft, in der Hass auf die Eltern unvermeidlich ist. Das ist die Phase, in der du jetzt bist.« Er hob wieder die Hand, als Natalie anfangen wollte zu sprechen, um sie dann, als Natalie sich fügte, wieder auf die Seiten des Notizbuchs fallen zu lassen, und während er weitersprach, fummelte er an den Blättern herum, die die Aufgabe für diesen Morgen enthielten.
»Das heißt nicht«, fuhr er gedankenverloren fort, »– auch wenn dies, vergiss das nicht, für mich de facto eine ebenso neue Erfahrung ist wie für dich –, das heißt nicht, dass ich dir nicht helfen, dich nicht beraten oder nicht mit dir mitfühlen könnte; es heißt nur, dass wir uns jetzt darüber im Klaren sein müssen, dass du ein erwachsenes Mädchen bist und ich ein alter Mann und dass ein fundamentaler Antagonismus zwischen den Geschlechtern, verbunden mit den Ressentiments eines Kindes, uns trennt, sodass wir nicht immer so aufrichtig zueinander sein können, wie wir es bislang waren.«
Wenn dem so ist, warum erzählt er mir’s dann?, dachte Natalie einen Moment lang, und aus der Ferne hörte sie die Frage des Inspektors: »Sind Sie bereit, zu gestehen, dass Sie ihn getötet haben?«
Ihr Vater sah sie lange Zeit an, offensichtlich in Erwartung einer Antwort, die sie nicht geben konnte; Natalie ging rasch in Gedanken durch, was er gesagt hatte: Hatte es etwa einen Hinweis darauf gegeben, was sie sagen sollte? Hatte er vielleicht eine Frage gestellt? Eine falsche Behauptung formuliert, die sie korrigieren sollte? Sie gelobt, damit sie bescheiden protestierte?
»Nun gut«, sagte ihr Vater schließlich und seufzte. »Es ist nicht notwendig, das im Detail zu besprechen, meine Liebe. Bald wirst du mehr darüber wissen als ich. Und dann werde ich von dir lernen.«
Er lehnte sich in seinem Sessel zurück, sah nachdenklich auf den Schreibtisch, und sein Blick glitt abwesend über die Zeilen in Natalies Notizbuch.
»Gut aussehend«, sagte er und lachte. »O Natalie, meine Liebe.« Und hilflos schüttelte er den Kopf.
Damit war sie entlassen. Seinem Gesicht war weiter nichts abzulesen. Als Natalie aufstand, mit den Gedanken schon beim Garten, beim Mittagessen, bei dem ganzen langen Tag, der vor ihr lag, schob ihr Vater das Notizbuch ungeduldig über den Tisch.
»Bist du bei der Party heute Nachmittag dabei?«, fragte er und betonte das »du« so, dass Natalie an Buds Weigerung, daran teilzunehmen, erinnert wurde.
»Ich denk schon«, sagte Natalie lahm, denn sie fragte sich, woher Bud den Mut nahm, in aller Öffentlichkeit zu verkünden, dass ihn die Pläne der Familie zu nichts verpflichteten.
»Versuch, wenn’s geht, deiner Mutter zu helfen«, sagte ihr Vater. »Gäste zu bewirten fällt ihr nicht leicht.« Er sah lächelnd empor zu Natalie, während sich seine Gedanken bereits mit wichtigeren Dingen beschäftigten, den tiefen, komplizierten Ideen, die seine eigene Arbeit betrafen. »Ein fundamentaler Hass auf Menschen, glaube ich«, fügte er hinzu, als Natalie sich zur Tür wandte.

“Der Gehängte”
Shirley Jackson

 

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