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Porterville 01: “Von Draußen”

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Porterville 01: “Von Draußen”
Raimon Weber
EUR 0,00 (68 Seiten)

Vorsicht! Die neue 18-teilige Mystery-Serie “Porterville” ist keine normale Serie, wie du sie kennst. Denn sie funktioniert wie eine Art Puzzle: So ist jede neue Folge von “Porterville” wie ein neues Puzzle-Teil. Das bedeutet, die Geschichten beginnen nicht unbedingt da, wo du bei der letzten Folge aufgehört hast. Doch mit jeder neuen Folge erhältst du tiefere Einblicke in die Stadt und ihre Bewohner, bis sich das rätselhafte Gesamtbild immer mehr zusammen setzt und am Ende die Frage geklärt wird: “Was ist das dunkle Geheimnis der Stadt Porterville?”

Folge 1: Die junge Emily lebt in Porterville. Die Stadt ist umzingelt vom sogenannten “Draußen”. Es heißt, dass dort der Schmerz von allen Seiten angreift. Ein Mensch würde dort keine fünf Minuten überleben. Aber auch Porterville ist nicht mehr sicher. Es sind die Erdbeben. Sie reißen Lücken in die Struktur der Stadt. Meistens sind sie nur groß genug, um Greybugs durchzulassen. Graue Käfer ohne Kopf und sichtbare Sinnesorgane.  Aber manchmal reichen sie auch für mächtigeren Besuch. Emily folgt ihrem Freund in längst vergessene Geheimgänge. Sie führen ins “Draußen” …

“Und wieder hat Raimon Weber geschafft, wofür ich ihn bewundere: ohne Blut und Gewalt hat er einen Thrill erzeugt, der mich gebannt lesen ließ, Gänsehaut auf den Armen und völlig versunken in einer anderen Welt, alles um mich herum vergessen.”
- SaraSalamander (5 Sterne, Top 500 Rezensent Amazon)

> Kennst du auch den “Darkside Park”?

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Raimon Weber
EUR 0,00 (68 Seiten)

Porterville 01: “Von Draußen”

Vorsicht! Die neue 18-teilige Mystery-Serie “Porterville” ist keine normale Serie, wie du sie kennst. Denn sie funktioniert wie eine Art Puzzle: So ist jede neue Folge von “Porterville” wie ein neues Puzzle-Teil. Das bedeutet, die Geschichten beginnen nicht unbedingt da, wo du bei der letzten Folge aufgehört hast. Doch mit jeder neuen Folge erhältst du tiefere Einblicke in die Stadt und ihre Bewohner, bis sich das rätselhafte Gesamtbild immer mehr zusammen setzt und am Ende die Frage geklärt wird: “Was ist das dunkle Geheimnis der Stadt Porterville?”

Folge 1: Die junge Emily lebt in Porterville. Die Stadt ist umzingelt vom sogenannten “Draußen”. Es heißt, dass dort der Schmerz von allen Seiten angreift. Ein Mensch würde dort keine fünf Minuten überleben. Aber auch Porterville ist nicht mehr sicher. Es sind die Erdbeben. Sie reißen Lücken in die Struktur der Stadt. Meistens sind sie nur groß genug, um Greybugs durchzulassen. Graue Käfer ohne Kopf und sichtbare Sinnesorgane.  Aber manchmal reichen sie auch für mächtigeren Besuch. Emily folgt ihrem Freund in längst vergessene Geheimgänge. Sie führen ins “Draußen” …

“Und wieder hat Raimon Weber geschafft, wofür ich ihn bewundere: ohne Blut und Gewalt hat er einen Thrill erzeugt, der mich gebannt lesen ließ, Gänsehaut auf den Armen und völlig versunken in einer anderen Welt, alles um mich herum vergessen.”
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Darkside ParkPorterville 01: “Von Draußen”Porterville 02: “Die verlorene Kolonie”Porterville 03: “Nach dem Sturm”Porterville 04: “Träume der Termiten”Porterville 05: “Die Akte Tori”Porterville 06: “Vor den Toren”Porterville 07: “Götterdämmerung”Porterville 08: “Die Chronistin des Bösen”Porterville 09: “14 Sekunden”Porterville 10: “Projekt Zero-Zero”Porterville 11: “Der Hudson-Code”Porterville 12: “Das Draußen”Porterville 13: “Die Ausgestoßenen”Porterville 14: “Die Akte Richthofen”Porterville 15: “Im Garten der Schlangen”Porterville 16: “Zeichen des Zerfalls”Porterville 17: “Der Turm”Porterville 18: “Versuchung”Porterville: Edition I (Folgen 1-6)Porterville Edition II (Folgen 7-12)Porterville Edition III (Folgen 13-18)

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Prolog

„Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger von Porterville! Im Angesicht nie gekannter Gefahren ist es mein unumstößliches Ziel, die Freiheit und Sicherheit unserer wunderschönen Stadt zu bewahren. Und ich gelobe feierlich: Ich werde jeden einzelnen von euch, jeden Mann, jede Frau und jedes Kind, wieder heil nach Hause bringen.“

Angus Hudson
Bürgermeister von Porterville

1

Porterville ist Geborgenheit und Glück!
Draußen bedeutet Verlust und Chaos!

Ich fixiere die Leitsätze unter dem Portrait des Bürgermeisters Takumi Sato, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Es hätte auch jeder andere Punkt im Klassenzimmer sein können. Ein winziger Schmutzfleck oder ein vergessener Klebestreifen, an der einst ein Poster mit gut gemeinten Ratschlägen hing.
Ich kann mich noch genau an die bunten Poster erinnern, die damals im monatlichen Rhythmus wechselten. Wenn sie von der Klassenleiterin an die Wand geheftet wurden, folgte im Anschluss stets eine zweistündige Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Thema. Dabei ging es um Körperhygiene, Energieeinsparung oder Mülltrennung. Oder, wie vor drei Jahren, um Partnerschaft. Das Motiv habe ich mir eingeprägt. Das Poster war durch eine rote Linie in zwei Hälften geteilt. Auf der linken betrieb eine Gruppe junger Mädchen Gymnastik, in dem sie überaus geschickt bunte Bänder durch die Luft wirbeln ließen. Die rechte Seite zeigte vier Jungen mit verbissenen Gesichtern, die um einen Football rangen. Drei von ihnen lagen bereits am Boden, der vierte, ein mächtiger Bursche mit Kriegsbemalung, warf sich gerade auf sie. Er war inmitten des Sprungs festgehalten worden, so dass er trotz seines massigen Körpers wie schwerelos wirkte.
Über den gegensätzlichen Szenen prangte die Losung: Lebt eure Jugend! Lasst euch Zeit!
Unsere damalige Klassenleiterin hatte uns klargemacht, dass man die kostbare Zeit der Jugend nicht mit Schwärmereien für das andere Geschlecht vertun soll. Dafür wäre im späteren Leben noch genügend Zeit. Außerdem seien flüchtige Emotionen ohnehin nicht dazu geeignet, um eine Partnerschaft einzugehen. Die städtische Instanz für Lebensgemeinschaften würde in jedem Einzelfall erkennen, wer füreinander bestimmt ist. Und auch den richtigen Zeitpunkt mitteilen. Bis dahin hat all unser Streben dem Wohl der Stadt Porterville zu dienen.
Damals, als Zwölfjährige, klang das für mich plausibel. Wer, wenn nicht die zuständige Instanz, sollte wissen, was richtig ist. So ist es doch in allen Bereichen. Doch als ich Jonathan vor drei Monaten kennenlernte, wuchsen in mir Zweifel an der Richtigkeit.
Während ich die Leitsätze anstarre, denke ich nur an Jonathan. Mrs. Gratschow referiert monoton über ethische Grundlagen der Gemeinschaft. Ihre Sätze zerfasern in meinem Kopf zu einem monotonen Rauschen.
„Miststück!“, kreischt Carmen neben mir.
Ich blicke zur Seite. Ein Greybug, ein besonders fettes Exemplar mit mindestens drei Zentimeter Durchmesser, krabbelt vor ihr über die Tischplatte.
Carmen schlägt mit der Faust auf den Tisch. Die Vibration lässt den Greybug auf der Stelle verharren. Carmen zückt ihr Cuttermesser und schneidet das Ding in der Mitte durch. Dabei muss sie einige Kraft aufwenden. Ein Greybug ist sehr zäh. Eine gelbliche Masse dringt aus den Körperhälften. Zum Glück ist sie absolut geruchlos. Greybugs stinken nicht, sie fressen dafür aber alles Mögliche an. Kunststoff, Holz, Kleidung und natürlich Lebensmittel. Es heißt, sie würden auch nicht vor hilflosen Menschen zurückschrecken. Kranke und Säuglinge verbringen die Nächte daher unter einem Netz aus Leichtmetall.
„Gut gemacht!“, vernehme ich Mrs. Gratschows Stimme. Sie eilt mit einer Sammelbox herbei. Die Lehrerin streift sich Latexhandschuhe über, lässt die beiden Hälften des Greybugs in der metallenen Box verschwinden und reicht meiner Nachbarin ein Papiertuch, um den Tisch abzuwischen.
Mrs. Gratschow schüttelt den Kopf. „Die Viecher werden immer aufdringlicher“, murmelt sie und schaut kurz in die Sammelbox. Ich vermute, dass sich darin schon mehrere Dutzend Exemplare befinden müssen. Das Ergebnis von weniger als einer Woche.
Ein Gongschlag beendet in diesem Moment den Unterricht. Alle Mädchen stehen wie in einer einzigen Bewegung auf, verharren kerzengerade und sehen zu, wie Mrs. Gratschow sich dem Bild des Bürgermeisters zuwendet und eine Verbeugung andeutet. Dann sind wir an der Reihe, Takumi Sato unsere Ehrerbietung zu erweisen.
Was wird der Bürgermeister dazu sagen, wenn er erfährt, dass ich mich ausgerechnet in seinen Enkel verliebt habe? Entgegen aller Vorschriften.
Beim Verlassen des Klassenraums treffe ich auf dem Flur den Hausmeister. Er ist das einzige männliche Wesen in diesem Teil der Schule. Mädchen und Jungen werden getrennt unterrichtet.
Der Hausmeister sprüht etwas aus einer grellroten Flasche in einen schmalen Spalt auf dem gefliesten Fußboden. Gift gegen die Greybugs, vermute ich. Manchmal bebt die Erde. Erst in der letzten Nacht wurde ich durch eine Welle von Erschütterungen wach. Fundamente verschieben sich, Risse entstehen auf Straßen und an Gebäuden. Daraus kommen dann die widerlichen Greybugs hervor. Ovale, graue Käfer ohne Kopf und sichtbare Sinnesorgane. Sie sind extrem widerstandsfähig. Wenn man versucht, sie zu zertreten, glaubt man nachgiebiges Gummi unter der Schuhsohle zu spüren. Anschließend flitzen sie völlig unversehrt davon. Man muss sie vergiften, zerschneiden oder verbrennen.
Ich habe jetzt einige Stunden Freizeit, die ich bei meinem Großvater verbringen möchte. Er ist der einzige Verwandte, den ich habe. Ich glaube, dass er nur mir zuliebe noch nicht gestorben ist. Obwohl er sehr krank ist und unter ständigen Schmerzen leidet. Meine Besuche, so betont er immer wieder, sind die einzigen Lichtblicke in seinem ansonsten so tristen Dasein. Manchmal, von einem Moment zum anderen, beginnt er zu weinen. Wenn ich ihn nach dem Grund frage, gibt er mir keine vernünftige Antwort.
An meine Eltern kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich war keine zwei Jahre alt, als sie durch das Draußen getötet wurden. Wie alle aus ihrer Generation.
Im Bedarfs-Center werde ich ein kleines Geschenk für Großvater besorgen.

2

Die Bedarfs-Center sind über das gesamte Stadtgebiet verteilt. Das Größte befindet sich zum Glück in der Nähe der Schule. Hier kann man sicher sein, fast alles Notwendige zu bekommen. Das Center ist im Parterre eines riesigen Gebäudes untergebracht. Von außen wirkt es mit seinen Erkern und Verzierungen, umrahmt von quadratischen Wohn- und Verwaltungsblöcken, völlig deplaziert. Ich will gerade die ausladenden Treppenstufen erklimmen, als ein riesiger Schatten über den Himmel gleitet. Ich richte den Blick reflexartig in die Höhe. Doch was immer da über die Stadt gleitet, ist zu schnell, um von mir erfasst zu werden. Normalerweise gibt es nichts Ungewöhnliches am Himmel zu entdecken. Wolken und Sonne am Tag, unzählige Sterne und einen blassen Mond in der Nacht. Und den Regen. Aber der kann uns nicht erreichen. Die Tropfen prallen am Schutzschild ab.
Jetzt bemerke ich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder den Spruch über dem Eingang des Bedarf-Centers.
“Beurteile den Tag nicht nach dem was du geerntet hast, sondern danach, was du ausgesät hast.”
Die einzelnen Wörter sind verblasst. Irgendwann in naher Zukunft werden sie vollständig verschwunden sein. Sie passen so gar nicht an diesen Ort. Vielleicht weiß Großvater etwas über den Ursprung der Worte.
Im Eingangsbereich stehen noch mehrere Einkaufswagen. Würden alle benutzt, müsste ich warten, bis ein Kunde seinen Wagen nicht mehr benötigt und ihn wieder abstellt. Manchmal bilden sich so lange Warteschlangen, aber dafür herrscht im Inneren des Centers nie ein Gedränge.
Heute ist der hintere Teil des Centers unbeleuchtet und durch gelbe Bänder abgesperrt. Das bedeutet, dass es weder Fleisch, noch Obst oder Gemüse gibt. Bei diesen Nahrungsmitteln kommt es immer wieder zu Engpässen, da sie von Tieren und Pflanzen stammen, die innerhalb der Stadt gezüchtet werden. Nahrung von außerhalb ist, so haben Untersuchungen in der Vergangenheit gezeigt, ungenießbar und nicht selten sogar hochgiftig.
Die Regale sind mäßig gefüllt. Nur die Dosen mit der gelben Beschriftung Supreme sind allgegenwärtig. Sie enthalten eine hellbraune, halbfeste Masse, die durch Erhitzen ein entfernt nussig schmeckendes Aroma entwickelt. Supreme enthält alle lebensnotwendigen Nährstoffe. Nimmt man zusätzlich ausreichend Flüssigkeit zu sich, benötigt man eigentlich keine anderen Lebensmittel. Aber der Bürgermeister und seine Mitarbeiter setzen natürlich alles daran, den Menschen Abwechslung, ja, sogar ein wenig Luxus zu ermöglichen. Letzte Woche gab es jeden Tag Speiseeis.
Zu meiner Freude entdecke ich in einer Regalreihe eine kleine Schachtel Schokomints. Ich weiß, dass Großvater sie ganz besonders mag. Sie kostet nur noch acht Mac-Kingsley-Punkte. Früher lag der Preis bei einem nahezu unerschwinglichen Boy. Ich hole die Karten aus meiner Jackentasche: drei Zweier, zwei Vierer. Das ist nicht viel. Normalerweise würde ich mit den Karten an der Kasse ein Spielchen wagen. Gewinne ich die Partie, gibt es die Schokomints umsonst und vielleicht sogar ein paar Extrapunkte. Aber heute will ich das Risiko nicht eingehen. Auf dem Schulhof habe ich bereits zwei wertvolle Neuner verloren. Ausgerechnet an Debra, die Klassenzicke. Nach meiner Niederlage hat sie ein so hämisches Gesicht gezogen, dass ich ihr am liebsten die Nase gebrochen hätte.
An der Wand hängt ein riesiges Plakat. Darauf ist natürlich Bürgermeister Sato abgebildet. Er tätschelt einer Kuh den mächtigen Schädel. Diese Tiere kenne ich nur aus dem Biologie-Unterricht. Ich habe keine Ahnung, wo das Foto gemacht wurde. Tier und Bürgermeister scheinen auf einer Wiese zu stehen. Im Hintergrund sind weitere Kühe zu erkennen. Im blauen Plakathimmel prangt in schwungvollen Lettern der Slogan Trinkt mehr Milch!
Ich kann mich schwach an dieses Getränk erinnern. Im Kinderhort bekamen wir es manchmal. Damals muss ich etwa vier Jahre alt gewesen sein.
Der Kassierer, ein schlaksiger junger Bursche mit enormen Ohren, erwartet mich an der Kasse.
Ich deute auf das Plakat. Es ist selbst von hier nicht zu übersehen. „Wo steht denn die Milch?“
Er blickt völlig desinteressiert. „Haben wir nicht. Vielleicht kommt sie irgendwann.“
Ich reiche dem Kassierer meine beiden Vierer-Karten.
„Oh, schade“, macht er. „Das könnte doch heute dein Glückstag sein.“ Wie alle in Porterville liebt er das Spiel mit den Mac-Kingsleys.
„Oder deiner!“, erwidere ich und versuche, dabei nicht auf seine abstehenden Riesenlauscher zu starren.
Schade, denke ich, Großvater hätte sich bestimmt über etwas Milch zu den Schokomints gefreut.

3

Ich habe zwar einen eigenen Schlüssel zu Großvaters Wohnung, aber der Höflichkeit halber kündige ich mein Kommen immer durch zweimaliges Drücken auf den Klingelknopf an. Dann warte ich einen Moment. Manchmal geht es Großvater gut genug, um aufzustehen und die Tür von innen zu öffnen. Heute bleiben seine schlurfenden Schritte aus. Ich betrete den Flur und rufe halblaut: „Großvater! Ich bin es!“
Keine Antwort. Es ist absolut still in der Wohnung. Staubpartikel blitzen in einem gebündelten Sonnenstrahl, der durch den Schlitz einer dunklen Gardine vor dem Fenster dringt. In Großvaters Wohnung ist es immer düster.
„Hier ist Emily!“
Noch immer meldet er sich nicht mit seiner heiseren Stimme. Mit einem Mal bekomme ich Angst. Angst, dass er doch gestorben ist. In meiner Abwesenheit und vergessen von allen Menschen.
Ich haste ins Wohnzimmer. Großvater sitzt in seinem Lieblingssessel. Der Kopf ist ihm auf die Brust gesunken. Zu seinen Füßen liegt ein aufgeschlagenes Buch. Eine Seite ist geknickt. Großvater geht mit seinen Büchern sehr sorgsam um. Es muss ihm aus den Händen gerutscht sein, als er …
„Großvater!“, rufe ich jetzt, so laut ich kann.
„Häh?“, höre ich ihn sagen und atme erleichtert aus. Er hustet und richtet seine Augen auf mich. Er gestikuliert fahrig mit seinen Händen.
Die Brille!, fällt mir ein. Sie liegt ebenfalls auf dem Boden. Er muss eingenickt sein, dabei ist sie ihm von der Nase gerutscht. Ich hebe die Brille auf und setze sie Großvater behutsam auf.
„Emily!“, stellt er fest und sein Blick klärt sich. Großvater entdeckt das Buch auf dem Fußboden. „Würdest du mir das bitte geben?“
„Gern.“
Er versucht, die geknickte Seite zu glätten. „Ich bin wohl eingeschlafen“, murmelt er dabei und gähnt.
„Ich habe dir Schokomints mitgebracht.“
Großvater betrachtet erstaunt die Schachtel aus Metall. „Das sollst du doch nicht. Die sind viel zu teuer.“
Ich winke ab. „Der Preis wurde auf acht Punkte gesenkt. Toll, nicht wahr?“
Er öffnet die Schachtel. Es freut mich, wie er die Lippen zu einem schmalen Lächeln verzieht und eine Weile die Köstlichkeit nur mit seinen Augen verschlingt. Zartbitter-Schokolade mit einer erfrischenden Cremefüllung aus echter Pfefferminze. Ganz langsam und vorsichtig, als könnte sie zwischen seinen Fingern zerbrechen, nimmt er eine der flachen Pralinen aus der Schachtel und steckt sie sich in den Mund.
„Bitte, Emily, greif zu.“
Wir lutschen schweigend die Schokomints. Die Umhüllung aus Schokolade ist viel süßer, als ich sie in Erinnerung habe, und als ich auf die Füllung stoße, schmeckt sie kaum noch nach Minze sondern eher nach …
„Sie haben die Rezeptur geändert“, bemerkt Großvater.
„Supreme!“, entfährt es mir. „Da ist Supreme in der Füllung. Deshalb ist es auch so billig.“
„Macht nichts“, erwidert Großvater. „Es schmeckt trotzdem noch ganz gut.“ Er stellt die Schachtel auf den kleinen Tisch neben dem Sessel.
Ich erkenne deutlich, dass er schwindelt, denn sonst hätte er nicht auf einen zweiten oder dritten Schokomint verzichtet.
„Immerhin soll es bald wieder Milch geben“, erwähne ich.
„Milch?“ Er sieht mich ungläubig an.
Ich nicke eifrig. „Im Bedarfs-Center hängt ein Werbeplakat.“
„Die machen sie garantiert auch aus Supreme“, murmelt er und fragt dann: „Wie läuft es in der Schule?“
Ich zucke mit den Schultern. „Meistens ist es langweilig.“
„Auch der Geschichtsunterricht?“ Er beugt sich ein wenig nach vorn.
Wir haben erst kürzlich die Historie von Porterville als Unterrichtsfach erhalten. Großvater ist sehr daran interessiert, was wir dort lernen. Den Inhalt der ersten beiden Geschichtsstunden hat er lediglich mit hochgezogenen Augenbrauen kommentiert.
„Würdest du bitte zusammenfassen, was man dir beigebracht hat, Emily?“
Ich erkläre ihm, dass Porterville der letzte Ort ist, an dem die menschliche Rasse noch existieren kann. Seit eine alles umfassende Katastrophe die Welt jenseits der Stadtmauern radikal verändert hat. Das geschah vor vielen Jahren. Damals regierte ein ebenso brutaler wie unfähiger Bürgermeister namens Hudson die Stadt. Er trägt die Hauptverantwortung dafür, dass eine ganze Generation vom Draußen getötet wurde. Also auch meine Eltern und die Eltern meiner Mitschülerinnen.
„Hat man dir erzählt, wie sie alle ums Leben gekommen sind?“, fragt Großvater nach.
„Noch nicht“, erwidere ich.
„Und was erfährst du über das so genannte Draußen?“
„Dass dort der Schmerz von allen Seiten angreift. Ein Mensch würde dort keine fünf Minuten überleben.“
Er schließt die Augen, presst die Lippen fest zusammen, und ich weiß, dass sein ganz persönlicher Schmerz gerade überaus heftig in seinem Körper wütet. Es dauert eine ganze Weile, bis Großvater wieder sprechen kann. Es ist furchtbar für mich, dass ich ihm nicht helfen kann. Er bekommt Medikamente, aber die scheinen seinen Zustand nicht zu verbessern, sondern höchstens zu stabilisieren.
„Glaubst du diese Dinge?“, fragt er schließlich mit schwacher Stimme.
Ich zögere mit der Antwort. Er bemerkt es und lächelt sanft. „Du weißt, dass du immer ehrlich zu mir sein kannst.“
„Ich weiß nicht, was ich glauben soll. Manches klingt eben zu … einfach. Es bleiben immer Fragen offen.“
„Die du hoffentlich nicht stellst“, sagt er und sein Lächeln verschwindet, als hätte er es einfach ausgeknipst. „Keine Fragen, Emily! Keine Zweifel! Dann wird dir nichts geschehen. Neugierde zahlt sich in Porterville niemals aus. Unwissenheit ist Trumpf!“
Ich nehme aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahr und wende mich gerade noch schnell genug zur Seite, um zu sehen, dass ein Greybug unter ein Bücherregal huscht.
„Lass ihn“, sagt Großvater, als er meine sofortige Anspannung bemerkt.
Ich habe gelernt, einen Greybug sofort unschädlich machen zu müssen.
„Die bleiben hier nicht lange“, erklärt Großvater. „Fühlen sich bei mir nicht wohl.“
Für mich ist einfach unvorstellbar, wissentlich einen Greybug zu verschonen. In meinem Zimmer im Schulheim hätte ich notfalls das Regal zerlegt, um ihn zu töten.
„Und?“, setzt Großvater an. „Was macht die Liebe?“
Ich spüre wie ich augenblicklich erröte. „Was soll die Frage?“
Er grinst und scheint mit einem Mal ganz ohne Schmerzen. „Du trägst dein Haar offen, hast dir die Augenbrauen gezupft und wenn mich nicht alles täuscht, duftest du nach parfümierter Seife. Von der ich annahm, sie wäre in der Schule verboten.“
„Aber nicht außerhalb der Schule“, erwidere ich kleinlaut.
„Wie heißt er?“, hakt Großvater nach.
Ich konnte ihm tatsächlich immer vertrauen. Wenn er jemals die Stimme erhob, was sehr selten vorkam, dann nur um mich vor irgendetwas Törichtem zu bewahren.
„Jonathan.“
„Existiert auch ein Nachname?“
Ich weiß nicht, wie er reagieren wird, wenn ich verrate, dass es sich um den Enkel des Bürgermeisters handelt.
Er wartet geduldig und ich nehme allen Mut zusammen und sage: „Jonathan Sato.“
Ich habe meinen Großvater noch nie mit einer, wie es heißt, frischen Gesichtsfarbe gesehen. Sein Teint war stets so eine Mischung aus gelb und grau. Aber jetzt wird er ganz blass, fast weiß. Er bekommt einen schlimmen Hustenanfall. Ich laufe in die Küche, um ihm ein Glas Wasser zu holen. Er trinkt es in hektischen Schlücken aus, bekommt wieder etwas Luft und krächzt: „Lass das!“
„Warum?“, frage ich. „Wegen der Instanz für Lebensgemeinschaften?“
Er wedelt hektisch mit der Hand. „Vergiss diese Instanz! Vergiss überhaupt jede beschissene Instanz!“
So habe ich ihn noch nie reden gehört.
„Du darfst dich nicht in die Umgebung von Takumi Sato wagen“, fährt er aufgebracht fort. „Dieser Mann ist gefährlich. Er wird es nicht dulden, dass du mit seinem Enkel zusammen bist.“
Der Greybug hat Gesellschaft bekommen. Drei weitere Exemplare laufen eilig über den abgewetzten Teppich. Aber die sind mir jetzt völlig egal. Ich bin erschüttert über die Reaktion meines Großvaters.
„Was soll er denn gegen unsere Liebe tun?“
Großvater sieht sich nach allen Seiten um. So, als wären wir gar nicht allein. Er senkt die Stimme. „Du weißt, was die IFIS ist?“
Ich nicke. „Die Instanz für Innere Sicherheit. Sie sorgt dafür, dass wir keine Angst vor Kriminellen jeglicher Art haben müssen.“
Großvater schlägt mit der flachen Hand auf die Lehne des Sessels. „Sie sorgt aber auch dafür, dass jeder, der dem Bürgermeister und seiner Clique nicht passt, auf Nimmerwiedersehen verschwindet.“
Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Erst vor einer Woche besuchten uns zwei Frauen der IFIS in der Schule. Sie redeten mit uns ganz freundlich und fragten nach einigen Dingen. Was wir so in der Freizeit treiben und wer mit wem befreundet ist. Ihre weißen Uniformen sahen ziemlich schick aus. Tori, meine beste Freundin, war ganz begeistert und will sich später unbedingt bei der Instanz für Innere Sicherheit bewerben. Da sie weiß, dass dort nur die Besten genommen werden, lernt sie seitdem wie verrückt.
Tori würde nie jemanden verschwinden lassen.
Ich weiche unwillkürlich zwei Schritte zurück. Großvater bemerkt es und versucht, seiner Stimme einen versöhnlichen Klang zu geben. „Emily, ich will dich doch nur schützen.“
„Aber ich liebe Jonathan. Und selbst wenn es wirklich so ist, wie du sagst, wird er nicht zulassen, dass mir etwas Schlimmes geschieht.“
„Liebe.“ Großvater seufzt. „Glaube mir, ich weiß, was Liebe anrichten kann.“ Er winkt mit seiner Hand. „Komm wieder her zu mir.“
Ich mache einen Schritt auf ihn zu.
„Ich möchte dir etwas erzählen“, beginnt er. „Damit du alles besser verstehst. Setz dich bitte.“
Ich schüttele den Kopf.
„Auch gut“, fährt er fort. „Was weißt du über meinen früheren Beruf?“
„Nur, dass du mit Büchern gearbeitet hast.“
Großvater lässt seinen Blick kurz durch das Zimmer wandern. Die Bücher sind überall. In den Regalen, auf der Fensterbank. Oder einfach zu wackeligen Türmen an den Wänden gestapelt.
„Ich leitete die Stadtbibliothek. Später machten sie dann ein Bedarfs-Center daraus. In der Nähe deiner Schule. Da, wo du die Schokomints gekauft hast.“
Ich kenne die Bibliothek unserer Schule. Ein vielleicht dreißig Quadratmeter großer Raum mit Lehrbüchern. Die meisten wurden von Bürgermeister Sato persönlich verfasst. Unfassbar, dass es einmal so viele Bücher gegeben haben soll, um ein riesiges Gebäude damit zu füllen.
„Der Spruch über dem Eingang?“, frage ich. „Ist der von Sato?“
Großvater lacht. Aber es klingt gar nicht belustigt, eher traurig. „Das ist ein Zitat des Schriftstellers Robert Louis Stevenson. Der ist schon lange tot. Sato ist kein Schriftsteller, sondern ein Tyrann.“
Einmal in der Woche kommt ein junger Mann von der Instanz für Gesundheit bei Großvater vorbei. Er bringt dann neue Medikamente. Einmal, als ich zufällig auch anwesend war, nahm er mich beiseite und eröffnete mir, dass mein Großvater im Laufe der Zeit ein wenig verwirrt werden könnte. Das sei eine Folge der Erkrankung. Ich frage mich, ob dieser Zustand soeben eingetreten ist. Das macht mich so traurig, dass ich nur mit Mühe die Tränen zurückhalten kann.
„Sato lügt“, fährt Großvater fort. „Was über das Draußen verbreitet wird, entspricht nicht der Wahrheit.“
Er fährt zusammen, als die Türklingel schrillt. Unsere Blicke treffen sich. Großvater hat eindeutig Angst. Warum?
„Erwartest du Besuch?“, frage ich. Der Mann von der Instanz für Gesundheit kann es nicht sein. Der kommt immer nur montags. Heute ist Freitag.
„Ich sehe nach“, beschließe ich. Ich habe gerade den Flur erreicht, als die Tür geöffnet wird. Ein kleiner korpulenter Mann in einem grauen Overall steht im Eingang. Ein zweiter, wesentlich größerer Mann schaut ihm über die Schulter.
„Wir vermuten, dass sich in diesem Gebäude eine inakzeptable Populationsdichte von Greybugs befindet“, verkündet er und lässt seinen gezückten Ausweis so schnell verschwinden, dass es mir unmöglich ist, auch nur einen Blick darauf zu werfen. „Wir haben die Anweisung, die Wohnung auch dann zu betreten, wenn niemand anwesend ist.“
„Sie haben nur einmal kurz geklingelt“, erwidere ich.
„Mädchen, wir dürfen keine Zeit verlieren. Du lernst doch in der Schule, wie schädlich diese Greybugs sind.“ Mit beinahe lustig anzusehenden Trippelschritten tänzelt er an mir vorbei. Sein Kollege trägt einen feuerroten Sprühbehälter auf dem Rücken und grunzt nur: „Wir machen sie alle fertig.“
Ich folge ihnen ins Wohnzimmer. Der Dicke reicht Großvater ein Formular. „Mr. Prey? Sie sind Martin Prey, der Eigentümer dieser Wohnung?“
Großvater starrt ihn mit großen Augen an.
„Unten rechts auf der Linie unterschreiben, Mr. Prey“, fährt der Mann fort.
„Muss mein Großvater die Wohnung vorübergehend verlassen?“, frage ich.
Der lange Kerl schüttelt den Kopf und schnallt den Behälter von seinem Rücken. „Nö, das Zeug macht nur die Viecher fertig. Nicht deinen Opa.“
„Geh jetzt besser“, höre ich Großvater sagen. Sein Lächeln ist nicht echt.

Porterville, die neue Mysteryserie
Das dunkle Geheimnis einer Stadt

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