Das Joshua Gen

‘Lies ruhig weiter darin herum, bis du genauso irre wirst.’ Sie dachte an Pauls Worte und ging den kurzen Weg neben dem Metallbett auf und ab. Der Mann darauf bemerkte es nicht. Sie blickte in seine Müdigkeit. In seine Leere. Und fühlte beides selbst. War er nun ein Psychopath? Ein Mörder? Sie wusste es noch immer nicht. Sie wusste nur, dass Paul sie von Anfang an vor diesem Fall gewarnt hatte. Und der Klinikleiter auch. ‘Vince Delusso ist nicht zum ersten Mal in der Nervenheilanstalt, wie Sie aus den Akten wissen. Als Jugendlicher galt er als schwer erziehbar, jähzornig, gewaltbereit. So gewaltbereit, dass er aus der normalen Haft in Isolationshaft kam und schließlich vom Gefängnis in die Psychiatrie verlegt werden musste. Jetzt hat ihn das alles wieder eingeholt. Ihr Mandant ist sehr krank, Miss Linney. Er hört Stimmen, er sieht seinen toten Vater!’ Den würden Sie auch sehen, Doktor, bei dieser Medikamentendosis. Ihr kamen die Tränen. Vince konnte sich nicht mehr rühren. Aber es lag nicht an den Gurten. Dr. Burke hatte ihren Mandanten auf andere Weise ruhigstellen lassen. Sie wollte seine Hand berühren und tat es nicht, sie fühlte sich mitschuldig.
Er lag auf dem Rücken und starrte zur Decke. Sie war so weiß wie alles in der kleinen Zelle. So weiß wie sein Gedächtnis. Die Psychopharmaka leisteten ganze Arbeit. Margaret stellte den Stuhl an das Bett, setzte sich und sah ihn nur an. Sie roch die Reste frischer Farbe, mit der man seine Erinnerungen von den Wänden gelöscht hatte, Erinnerungen, die sie nun für ihn bewahrte. Sie fühlte sich plötzlich allein. »Ich weiß nicht, wie viel ich mir noch zumuten will. Ich weiß auch nicht, wie viel ich Ihnen noch zumuten kann …« Sie zog den Hefter aus der Aktentasche und hielt Zeitungsausschnitte und Polizeiberichte vor seine starren Augen. »Ich habe hier das, von dem Sie mir erzählten, alles über die Woche im März. Es ist geschehen. Es ist real. Drei Tote in der Wohnung in Queens, ein provozierter Stau auf der West End Avenue, Stanleys Auto im East River, die Schüsse, die Ihren Onkel so schwer verletzten. Und man könnte all das verbinden, so wie Sie es getan haben …«
Sie beugte sich vor zu ihm. »Aber das sollten wir nicht tun«, flüsterte sie in sein Ohr. »Wir müssen uns darauf vorbereiten, wie die Polizei die Dinge verbinden wird. Zum Beispiel, dass auf die drei jungen Männer und Ihren Onkel mit der gleichen Waffe geschossen wurde. Natürlich!, würden Sie sofort sagen, das war der Kerl mit den Handschuhen! Doch genauso könnten Sie es gewesen sein, das jedenfalls wird die Polizei sagen. Denn alles, was diese Vorfälle vom März verbindet, sind Sie. Emilio fällt als Zeuge aus. Er liegt im Koma. Nona hilft uns auch nicht weiter, solange sie spurlos verschwunden ist. Wir werden also Max in den Zeugenstand holen müssen.«
Er schloss die Augen. Seine Tränen liefen vor ihrem Gesicht vorbei. Sie setzte sich abrupt auf. »Na toll, ich sollte Sie unterstützen, ich sollte Ihnen Mut machen – und was mache ich stattdessen? Margaret Linney, du bist ein Idiot!«
Sie hörte ihn etwas sagen.
»Was? Dann sind Sie ja jetzt nicht mehr allein?« Sein kleiner Scherz berührte sie tief. Sie griff nach seiner Hand und hielt sie fest. »Haben Sie keine Angst, ich bekomme Sie hier raus! Ich weiß, dass Ihre Geschichte nicht nur reine Erfindung ist. Wir zwei werden dem roten Faden weiter folgen. Und haben wir erst einmal das Ende, dann wird alles gut!«
Vince blickte sie weinend an, er sprach sehr leise.
»Es endet aber nicht, Mag, es beginnt erst …«

Das Joshua Gen
Andreas Krusch