Leseprobe “Flammengrab”

Nürnberg, Sebalder Reichswald
Freitag, 1. Mai 1598

Am Anfang war der Wald. 

Der Wald des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation erstreckte sich als wogendes Meer von Horizont zu Horizont. Eichenbraun und buchengrün und nadelschwarz. Von den Alpen bis zur Ostsee – ein Wald, der noch Bären, Wölfe und Naturgeister barg, mordlustige Ritter und verlorene Prinzessinnen. Und den Glauben an schwarze Magie. Und an Hexen. Nur die fernen Silhouetten der Nürnberger und der Erlanger Burg, die winzigen Kegel des Sinwellturms, des Luginslandes und des Bergfriedes unterbrachen den düsteren Forst. Und der Schrei. 

Der krächzende Schrei gellte aus einer kleinen Lichtung, von der eine dünne Rauchfahne aufstieg. Der Schrei brach ab mit einem eisernen Klappern. Ein dumpfes Kreischen und Kratzen stieg jetzt auf, und der Rauch färbte sich grau. Das Kratzen und Kreischen und Stöhnen dauerte an, und die anderen Geräusche des Waldes verstummten. Der Vogelsang und der Käfertanz. Und schließlich erstarb auch das Stöhnen, und der Rauch färbte sich zu fettigem Schwarz. Und eine weiße Taube stieg jetzt aus dem Rauch auf und flatterte über die Wipfel. 
Eine weiße Taube mit roten Augen.

Hastende kleine Schritte brachen durch das Unterholz. Zwei ausgemergelte Gestalten stolperten über das Moos. Ein Junge und ein Mädchen – schmutzstarrende Hungerkinder mit dürren Beinchen und knochigen Ärmchen. Der Knabe war kräftiger, aber das strohige Haar verfilzt, die Haut von Flöhen zerstochen. Das bleiche Gesicht der Schwester war von Tränen verschmiert. Und von speckigem Ruß. Sie hatte ihren fadenscheinigen Kittel gerafft, presste zerbrochene Lebküchlein und erdverkrustete Goldgulden an sich. Eine Wurzel fing ihren bloßen Fuß, das Mädchen strauchelte, stürzte aufschluchzend ins faulige Laub.

Die Diebesbeute kullerte über den Boden, die Küchlein, die Gulden, silberne Kreuzer, billiges Geschmeide und ein seltsam graviertes, grünspaniges Messing-Ei. Der Junge bückte sich zur Schwester, wollte ihr helfen, aber die wandt sich ab, heulte auf und schluchzte jetzt hemmungslos. Der Bruder barg ihren Kopf, „grein doch net, klein’s Margret. De alte Vettel is‘ hin, gebrannt im eigene Feuerloch.“ Die Kleine schüttelte wie wild den Kopf. „Glaub i net, Hannes. Wie’s mich ang’starrt hat, mit ihra rote Augen, und wie’s dann gezappelt und getreten hat! Die sterbt gar nie, de Hex’n!“ 

„Horch!“, er richtete sich auf. „Alles stille! Und wie’s stinkt, nach dem gerösteten Hexenfett!!“ Margretchen horchte und schniefte und wischte über ihr Gesicht.„Jetzat fahrt’s zur Höllen, de alte Kinderfresserin!!“ Hänsel ließ sie los und rutschte auf die Knie, begann die Gulden zu sammeln, stopfte sich Küchlein und Printenbröckchen in den Mund. Gretelchen schaute eklig und schüttelte sich: „Wie kannst auch nur einen Bissen schmausen, derweil die Alte in ihrem Ofen kocht!?“ Hänsel grinste sie mit klebrigem Mund an, „des is‘ ein süßer Duft für meinen Schmaus! Wenn‘st net so gescheit gewesen wärst‘, dann wär’s dein Brüderlein, des jetzt zum Himmel stinken würd‘!“ Margretchen wedelte mit ihrer Hand, „des tust allderweil, auch ohne Feuersglut!“ 

Hannes gab ihr einen spielerischen Schubs, und sie lachte endlich und öffnete ihre Schürze, und er warf die Goldgulden hinein, das Geschmeide, den Honigkuchen. Dann hielt er das metallene Ei in der Hand, wandt es hin und her. Gretchen ließ ihr Kittelchen sinken. „Und des?“ Jetzt klappte das Ei mit einem Klicken auf, und der Hänsel fuhr erschrocken zurück. Ein vergilbtes Ziffernblatt war zu sehen und Zeiger und ein fein geriffeltes Rädchen. 
„Ein Nürnberger Ührlein!! Der Vater hat’s mer gezeigt, in der Burgstadt! Ührlein und allerhand Spielwerk, Männlein auf bunten Dosen, die sich dreh’n und wenden, als wenn’s lebendig wär’n!“ 

Die Gretel beugte sich vor, mit großen Augen, „des hat’s alles geraubt – von denen Wandersleut‘, die’s mit ihr’m Schierling getränkt hat! Des Ührlein und des Gold und de Kreuzer …“ Der Hänsel schwieg still. Behutsam drehte er an dem geränderten Rädchen, horchte auf jedes Klick und jedes Klack, weiter und weiter, bis die Zeiger mühsam zu Leben erwachten und ruckend den gemalten Ziffern zustrebten. Strahlend blickte er auf: „So was zu bauen, des is‘ … des is‘ … des Höchste! Wer des erdenkt, der hat Macht über die Stunden!” 

Die Gretel starrte ihn staunend an, „eine Macht über die Stunden?“ „Über jede Stund’n und jedes Minütlein! Wenn ich des amal lern‘, denn kann ich die Zeit einfangen! Für immer!“ Und die Geschwister sahen nichts anderes mehr als das Nürnberger Ührlein. Und so bemerkten sie auch nicht die Taube, die sich über ihnen niedergelassen hatte. 

Weiß mit Feueraugen. 
Außerhalb der Zeit.

“Flammengrab”
Demian Lenz