Poltergeist (Leseprobe)

Die amerikanische Nationalhymne war verklungen.
»Hier ist KTCV, das Fernsehen von Cuesta Verde. Unser Programm für den heutigen Tag ist beendet. Bitte schalten Sie wieder ein, wenn wir morgen früh mit der Verkehrssendung beginnen. Bis dahin wünschen wir Ihnen eine angenehme Nacht.«
Die amerikanische Flagge verschwand vom Bildschirm und machte statischem Schneien Platz, das ein unheimliches bläuliches Licht im Wohnzimmer verbreitete. Steve Freeling lag tief schlafend im Sessel, vier Meter von dem Gerät entfernt. Sein Schoß war von Mietverträgen bedeckt. Auf dem Boden ringsum lagen Pläne von Grundstücken. Bis auf das Flimmern und Rauschen des Fernsehers war es dunkel und still im Raum.
Im vorderen Schlafzimmer des Obergeschosses schlief Steves Frau, Diane, ruhig und traumlos. Am offenen Fenster bewegten sich die Spitzenvorhänge sanft im Atem der Nacht.
Es war Herbst, und ein Hauch von Veränderung lag in der Luft.

Ein Stück den Flur entlang befand sich Danas Zimmer. Dana war fünfzehn, hübsch und dunkelhaarig. Sie schnarchte und hatte die Hand locker über das Telefon gelegt. Ihre Jeans lagen zusammengeknüllt auf dem Fußboden, Schulhefte und Bücher häuften sich auf dem Stuhl neben dem Bett. Sie schlief wie ein Mädchen aus reichem Haus, das sich seines Glücks nicht bewusst ist.
Neben dem großen Schlafzimmer lag das Kinderzimmer. Robbie, sieben Jahre alt, schlief unruhig, seinen Plüschbären eng an sich gepresst. Der Boden war übersät mit Spielzeug, Kleidungsstücken, Kreidestiften und dergleichen. Im Schaukelstuhl lag eine ausgestopfte Clownpuppe. Auf der anderen Seite des Zimmers schlief Robbies fünfjährige Schwester Carol Anne in einem Wildwestbett.

Einige Minuten nach halb zwei öffnete Carol Anne die Augen. Lautlos richtete sie sich im Bett auf, schwang die Beine heraus, ging aus dem Zimmer und den Gang entlang zur Treppe. Ihre Augen waren geöffnet, zeigten jedoch keinen Ausdruck. Vorsichtig bewegten sich die kleinen Beine in der Dunkelheit die Treppe hinab, vorbei an der Haustür, hinein ins Wohnzimmer, wo der Vater ausgestreckt im Sessel lag. Der Fernseher erhellte das Zimmer mit seinem blauweißen Schein. Carol Anne benahm sich, als sähe sie ihren schlafenden Vater nicht. Ohne den Kopf zu wenden, ging sie an ihm vorbei auf den Fernsehapparat zu. Sie starrte auf den flimmernden Schirm und berührte ihn mit ihrer kleinen Hand. »Hallo«, flüsterte sie. »Wer seid ihr?«

Oben fuhr Diane im Bett hoch. Urplötzlich war ihr kalt. Sie war hellwach. Steve lag nicht neben ihr. Hastig stand sie auf, zog ihren Morgenmantel an, schloss das Fenster und lief nach unten. Kaum hatte sie das Wohnzimmer betreten, erwachte Steve, und seine Unterlagen glitten zu Boden. Die beiden sahen sich an, dann richteten sich ihre Blicke auf Carol Anne. Das Mädchen hatte die Nase an den wirbelnden Bildschirm gepresst, ihr Blick folgte den tanzenden Lichtpunkten, als handle es sich um Runen, die eine nur für sie bestimmte Botschaft übermittelten.
»Wo seid ihr?« rief sie im Singsang. »Kommt näher, ich will euch sehen!«
Bedrückt schaute Diane ihre Tochter an und erschauerte …

Poltergeist
James Kahn