Porterville 12 “Das Draußen”

Porterville, Jahr 0048

Der Mann liegt am Boden und windet sich in Krämpfen. Sein Schreien verebbt zu einem asthmatischen Röcheln. Das Blut pumpt noch immer in einem dickflüssigen Strahl aus seiner Brust. Da, wo die Uniform ein Loch von der Größe eines Handtellers aufweist.
Sein Todeskampf wird vom grellweißen Licht eines Scheinwerfers beleuchtet.
Die Körper der anderen Einsatzkräfte werfen bizarre Schatten an die Kellerwände. Tintige Flecken, die sich miteinander verbinden, um dann wieder nach allen Richtungen davonzuhuschen. Wie körperlose Gespenster.
„Sanitäter!“, ruft eine Stimme.
In der Nähe bellt ein automatisches Gewehr.
Zwei Salven.
Man hört ein vielstimmiges Atmen. Der Verletzte am Boden bäumt sich ein letztes Mal auf. Er wispert dabei einen Namen.
„Melanie, Melanie …“
Im Licht sieht es so aus, als würde das Leben aus seinen Augen fliehen.
„Es kommt näher“, flüstert der Mann, der vor Sekunden nach einem Sanitäter verlangte.
Ein zweiter Scheinwerfer richtet sich auf ihn und verleiht seinem Gesicht Konturen. Der Offizier der Instanz für Innere Sicherheit schiebt das transparente Visier seines Schutzhelms hoch und lauscht. Seine Mimik zeugt von Entschlossenheit und äußerster Anspannung.
Ich ziehe mich weiter zurück. Die Einsatzkräfte formieren eine Abwehrkette in dem etwa fünf Meter breiten Gang.
Irgendetwas kreischt. Es klingt nicht menschlich. Es hört sich überhaupt nicht an, wie etwas, das ich kenne.
„Stansfield! Akajew! Vorrücken!“, befiehlt der Offizier.
Das Ding kreischt wieder. Näher.
Zwei Uniformierte tasten sich nach vorn. Nach wenigen Schritten vereinigen sich ihre Silhouetten mit der Finsternis. Nur der gebündelte Strahl ihrer Lampe zeigt, dass sie noch existieren.
„Es versperrt uns den Weg“, erklärt der Offizier leise seinen verbliebenen Leuten.
Dann hören wir die beiden Männer brüllen. Ihre Lampe zuckt hin und her. Einer von ihnen schreit: „Mach das weg, Stansfield! Mach das weg!“
Der Strahl der Lampe zeigt zur Decke. Sie muss zu Boden gefallen sein.
Akajew quiekt etwas wie „Iiiiihyaaaa!“ und ist plötzlich still.
Der zweite Mann – Stansfield – stammelt nur „Bitte! Bitte! Bitte nicht!“ und verstummt dann auch.
Im Lampenschein vor uns bewegt sich etwas und ist sofort wieder verschwunden.
„Granaten scharf machen“, raunt der Offizier. Er zielt mit dem Lauf seiner Waffe in den Gang. Da, wo etwas Lebendiges Geräusche verursacht, als würde es die Leichen der Männer über den Boden zerren. Gefolgt von einem furchtbaren Knirschen und Knacken.
„Es hat sie erwischt“, stellt der Offizier fest. „Wir haben keine Wahl! Feuer!“
Fauchend rasen zwei Granaten in das Dunkel. Gleißende Detonationen blenden die Überlebenden der Einsatzgruppe.
Ich habe rechtzeitig den Blick abgewendet.
Es herrscht Krieg in der Unterwelt von Porterville.

Absperrungen sind vor dem Gebäude, einem leer stehenden Kaufhaus, errichtet worden. Weitere Einsatzfahrzeuge der IFIS rasen heran und spucken Uniformierte mit beeindruckendem Spezialgerät aus. Ich entdecke übergroße Flammenwerfer und sogar einen der zylindrischen Räumungsroboter, der geräuschvoll auf den Eingang des Kaufhauses zurollt. Sanitäter tragen die mit weißen Laken bedeckten Leiber von Akajew und Stansfield an mir vorbei. Eigentlich hätte nach dem Abschuss der Granaten nicht mehr viel von ihnen übrig sein dürfen.
Schaulustige drängen sich jenseits der Absperrungen. Ihre aufgeregten Stimmen hallen bis zu meinem Standort neben dem Wagen des leitenden Offiziers. Auch ich trage heute ausnahmsweise die schwarze Kampfuniform der Instanz.
„Sir!“, schnarrt der Einsatzleiter, salutiert und schiebt ein schroffes „Mr. Landino!“ nach. Er weiß nicht genau, wie er mich anreden soll. Schließlich ist bekannt, dass ich keinen Wert auf einen militärischen Rang lege. Ich bin Gerome Landino, der oberste Leiter der Instanz für Innere Sicherheit. Auch wenn gewisse Elemente wie Bürgermeister Satos Bluthund John Kellogg oder Commander Ekeroth versucht haben, mich kaltzustellen.
Der Schläger Kellogg wurde von mir eigenhändig eliminiert. Ekeroths Niedergang ist nur noch eine Frage der Zeit.
„Wie fanden Sie es?“, fragt mich der Offizier. Sein Nachname lautet Bachmann. Noch vor kurzem gehörte er zu Kelloggs engsten Vertrauten.
„Glaubwürdig“, erwidere ich. „Aber angesichts der gaffenden Menge sollten Sie etwas betroffener dreinblicken. Schließlich haben Sie da unten Männer verloren.“
„Jawohl!“ Bachmann setzt übergangslos eine sehr ernste Miene auf und wischt sich obendrein nicht existierenden Schweiß von der Stirn.
Bisher fand die Durchführung dieser Aktionen unter der Regie von Commander Kellogg statt. Immer wieder täuschen Spezialeinheiten der IFIS vor, dass sie in den Katakomben Berührung mit einem unbekannten Feind haben. Einem gesichtslosen Etwas, dass vom tödlichen Draußen Zugang zu unserer Stadt findet. Offiziell gibt es darüber zwar keine Verlautbarungen, aber gezielt lässt man Details durchsickern. Wie etwa Fragmente der verwackelten Filmaufnahmen, die vorhin aufgenommen wurden.
Ruhe durch Angst lautet die Devise. Eine Bevölkerung, die sich vor einer ominösen Bedrohung fürchten muss, lässt sich leichter unter Kontrolle halten.
Akajew und Stansfield ist nichts geschehen. In Wirklichkeit sind noch nicht einmal ihre Namen echt.
„Ich bin von Ihrer Kreativität und Einsatzfreude überaus angetan“, teile ich Bachmann mit und klopfe ihm auf die Schulter.
Er strahlt mich an.
„Daher lege ich die Leitung weiterer Aktionen vertrauensvoll in Ihre Hände, Commander!“
Schon habe ich den Mann befördert. Bachmann grinst noch breiter. Kellogg hätte ihm diese Stellung niemals verschafft. Es zahlt sich aus, wenn man für mich arbeitet.
„Selbstverständlich ist damit eine Erhöhung sämtlicher Bezüge verbunden“, fahre ich fort. Bachmann befindet sich von nun an voll und ganz auf meiner Seite. Da kann ich sicher sein. Er hat in meinem Interesse sogar Kelloggs Tod nachträglich wie einen terroristischen Anschlag aussehen lassen.
„Betroffenheit“, raune ich ihm zu. „Man beobachtet uns.“
„Oh!“, macht Bachmann und schaltet sein Grinsen ab. „Vielen Dank, Sir! Mr. Landino!“ Er beugt sich vor und wischt etwas von meiner Schulter. „Sie hatten da was. War nur ein Greybug.“
Ich sehe dem grauen Käfer nach, wie er auf ein Fahrzeug zueilt und sich daran macht, einen der Reifen anzuknabbern.
Die Viecher sind echt und stammen tatsächlich aus dem ‘Draußen’. Sie verursachen mittlerweile unübersehbare Schäden in der Stadt …

Porterville 12 “Das Draußen”
Raimon Weber