Porterville, Folge 2

Ich schoss den Utopia Parkway entlang. Es war schon dunkel und ich war spät dran. Meine Freunde erwarteten mich bestimmt schon. Laut fluchend wich ich einem einbiegenden Auto aus, fing mein Rad wieder und trat noch heftiger in die Pedale.
    Ein Fahrradfahrer und dann noch auf den Straßen von Queens, New York City, das war etwas Besonderes. Nicht, dass die Autofahrer deswegen auf mich Rücksicht nehmen würden, aber einen neugierigen Blick erntete ich immer, wenn ich mit meinem Gefährt unterwegs war.
    Ich nahm eine Abkürzung durch eine schlecht beleuchtete Gasse voller Müll und kam wenig später auf der vielbefahrenen Parallelstrecke zum Expressway raus. Ich war in Queens aufgewachsen und kannte in diesem Stadtteil jede Straße. Hinter mir hupte ein Auto, als ich abbog und unter dem Expressway durchfuhr. Das Rauschen des Verkehrs oben auf der Brücke hörte sich an wie Meeresbrandung.
    Zu meiner Rechten kamen die Gebäude des Queens College in Sicht. Hier studierte ich amerikanische Geschichte zusammen mit meinen beiden Freunden Ben und Addy. Wir hatten uns zu einem Treffen im „The Fridge“ am Kissena Boulevard verabredet. Die Studentenkneipe hieß so, weil das Haus aussah wie ein gigantischer Kühlschrank. Es war mehr hoch als breit und hatte eine weißglänzende Fassade ohne Fenster. Nur unten im Erdgeschoss befand sich eine einzige Tür, über der die blaue Neonreklame mit dem Namen der Kneipe blinkte.
    Ich stellte mein Fahrrad an einen Laternenpfahl und schloss es mit einer Kette und einem altmodischen Vorhängeschloss an. Dann nahm ich den Helm mit dem Plexiglasvisier vom Kopf, klemmte ihn mir unter den Arm und betrat mit wachsender Vorfreude das „Fridge“. Ich hatte meinen Freunden etwas Aufregendes zu erzählen.
    Grünliches Licht empfing mich und schwatzende Studenten aus allen Fakultäten. Die Kneipe war beliebt und bestand aus einem langgestreckten Raum mit einer Glasfront als Rückwand, durch die man hinaus auf den Patio blicken konnte. Auf der linken Seite thronte die wuchtige, mit grünen Diodenleisten beleuchtete Theke, hinter der zwei flache Fernsehbildschirme in die Wand eingelassen waren. Meistens wurden darauf Sportereignisse oder Musikvideos gezeigt. Im Moment war Präsidentin Bush bei einer offiziellen Rede zu sehen. Es war Wahlkampf.
    Ich sah mich in dem gutbesuchten Lokal nach meinen Freunden um, aber sie entdeckten mich zuerst.
    „Jerry! Hier sind wir! Huhuuu!“, hörte ich Ben rufen und sah ihn an einem kleinen Tisch in einer Nische an der Wand sitzen. Er winkte. Ich warf ihm ein Grinsen zu und bahnte mir den Weg durch die Gäste. Dabei ließ ich Addy, die neben Ben saß, nicht aus den Augen. Auch wenn sie heute nur einen schlichten, blauen Pulli und einen Pferdeschwanz trug, sah sie für mich umwerfend aus.
    „Sorry, dass ich zu spät bin“, sagte ich, als ich bei ihnen ankam, und setzte mich.
    „Was ist denn das? Etwa Schweiß?“, fragte Addy und fuhr mit dem Finger über meine Stirn. Ihre Berührung zu spüren, war unangenehm und aufregend zugleich, und ich musste mir Mühe geben, nicht rot zu werden.
    „Bist du etwa mit deinem vorsintflutlichen Gefährt da, du Teufelskerl?“, fragte Ben und grinste. „Willst dich wohl umbringen.“
    „Ach, was“, wiegelte ich ab. „Ich hab ja den Helm.“ Ich klopfte auf die Hartschale neben mir auf dem Stuhl.
    „Na, sofern das mal hilft, wenn dich ‘n Pickup überrollt!“
    „Jerry will halt fit bleiben“, nahm Addy mich in Schutz und lächelte mich an. Ein warmes Gefühl machte sich in mir breit.
    „Ich glaube, dafür gibt es weniger gefährliche Übungen“, erwiderte Ben lachend.
    „Kann ja nicht jeder so eine Sportskanone sein, wie du es bist“, neckte Addy und warf auch Ben ein Lächeln zu. Mein warmes Gefühl verwandelte sich in lauwarme Zweifel. War da doch etwas zwischen den beiden?
    Benjamin Greenstein war mein bester Freund. Wir kannten uns seit fünf Jahren. Hatten uns aber nicht etwa auf dem College kennengelernt, sondern ein Jahr zuvor bei einer Occupy-Veranstaltung in Manhattan auf der Ninth Avenue vor der Google-Zentrale. Sein Zelt stand neben meinem, während wir gegen die Fusion der US National Bank mit Google demonstrierten. Das Informationsimperium wurde immer mächtiger und drängte mit aller Macht auf den Finanzsektor. Wir als aufgeklärte Kinder von Eltern, denen das Misstrauen gegen die sozialen Netzwerke und deren Handel mit Informationen nie abhandengekommen war, protestierten gegen diese Verbindung von Geld und der Transparenz des Bürgers. Leider waren unsere Bemühungen umsonst gewesen. Heute gab es die Google-Bank und die Facebook-Bank. Tja, was soll man dazu sagen? Aber zurück zu Ben. Wir hatten festgestellt, dass wir viele gemeinsame Interessen hatten und dass Ben, der ein Jahr älter war als ich, auch Geschichte studieren wollte. Wir schrieben uns zusammen am Queens College ein und begannen unsere Studentenzeit. Schon im ersten Semester stellte Ben sich als wahres Baseballtalent heraus und wurde in die Collegemannschaft aufgenommen. Er war der Frauenschwarm schlechthin. Blond und blauäugig, gut durchtrainiert und eloquent. Er wusste, immer, was Frauen hören wollten, war witzig und geistreich. Das genaue Gegenteil von mir, dachte ich manchmal.
    „Ein Bud light!“, bestellte ich bei der Bedienung und schob meine Sorgen beiseite. Ich solle Ben einfach mal sagen, wie ich zu Addy stand. „Und einmal den Tex-Mex-Burger mit doppelt Fleisch!“
    „Na, daheim wieder auf Diät?“, fragte Ben scherzhaft. Er wusste, dass mein Dad Vegetarier war und ich zwangsweise zu Hause immer nur Gemüse zu essen bekam. Aber wenn ich woanders aß, musste ich Fleisch haben!
    Mit einem Grinsen nahm ich einen Schluck von dem Bier, das mir die Bedienung hinstellte. Ich überlegte, ob ich meinen Freunden jetzt von meiner Entdeckung erzählen sollte oder erst nach dem Essen. Ich setzte das Glas ab und wollte den Mund öffnen, da klingelte Addys iD.
    Sie warf uns einen entschuldigenden Blick zu und drückte den Empfangsbutton. Ihr Gesicht wurde in bläuliches Licht getaucht, als sie das Bildtelefonat annahm. Es war ihre Mutter, wie ich mitbekam. Addys Vater war sehr krank, und ihre Mutter informierte sie fast täglich über seinen Zustand. Addy nickte und nahm die detailreiche Beschreibung der Krankheit zur Kenntnis. Ihre Miene blieb dabei ausdruckslos. Ich wusste, dass sie diese Anrufe nervten, aber als einzige Tochter fühlte sie sich ihrer Mutter gegenüber verpflichtet. Sie nickte erneut, verabschiedete sich und schaltete das iD aus. Das bläuliche Licht erlosch.
    „Sorry, Jungs.“
    „Kein Problem“, winkte Ben ab und nippte an seinem Drink. Keiner von uns wagte es, sie auf das mitgehörte Gespräch anzusprechen.
    Das Essen kam und wir verfielen in gefräßiges Schweigen. Ich verschlang das köstlich saftige Fleisch des Burgers und stopfte mich mit den fettigen Pommes voll. Ungesünder ging es kaum. Aber ab und zu brauchte ich eine solch kleine Sünde bei dem ganzen Grünfutter zu Hause. Satt und zufrieden schob ich den Teller von mir fort.
    „Und, ist das Raubtier in dir satt?“, fragte Ben.
    „Jawohl!“ Ich leerte mein Bier und bestellte noch ein neues. Die anderen taten es mir gleich. Ein lockeres Gespräch entspann sich und ich wartete auf einen Moment, um mit meiner Neuigkeit herausrücken zu können. Als ich nach dem Vorankommen meiner Bachelor-Arbeit gefragt wurde, war er endlich da.
    „Ich habe da was ganz Sensationelles entdeckt!“, platzte es aus mir heraus.
    „Und was?“ Erwartungsvoll sahen mich Addy und Ben an.
    „Ich war heute in der Public Library an der Fifth Avenue, um die Recherchen für meine Arbeit weiterzuführen, da habe ich ein altes Schriftstück entdeckt. Es war reiner Zufall, denn es war hinter die Buchreihen gerutscht. Und es hatte keine Signatur, also brauchte ich auch nicht nachzusehen, ob es schon digitalisiert worden war.“
    Seit zehn Jahren gab es sämtliche Bücher der Bibliotheken weltweit als elektronische Version, so dass man sie bequem zu Hause über das Netz bestellen und lesen konnte. Meine Recherchen aber erforderten es manchmal, in den Originalen zu stöbern. Meine Freunde verstanden das, denn auch sie liebten alte Bücher und das haptische Erlebnis des Lesens auf Papier.
 „Das Schriftstück besteht aus drei Seiten“, fuhr ich mit meiner Erzählung fort. „Es ist eine spanische Handschrift aus dem 16. Jahrhundert, ziemlich schwer zu lesen, aber ich habe es dennoch hinbekommen.“ Meine zweite Sprache an der Highschool war zum Glück Spanisch gewesen. „Es ist ein Bericht des Seefahrers Capitán Alfonso Rodriguez Perrez. Er hatte 1590 von der spanischen Krone den Auftrag bekommen, nach Amerika zu segeln und Roanoke zu suchen.“
    Roanoke. Die erste englische Kolonie in der Neuen Welt, die es zu einer großen amerikanischen Legende gebracht hatte und zum Inhalt meiner Bachelor-Arbeit. Jeder in Amerika kannte die sagenumwobene Roanoke-Siedlung, deren Geschichte sehr kurz war. 1585 wurde sie von den Engländern gegründet, verschwand aber bereits wenige Jahre später unter mysteriösen Umständen von der Bildfläche. Viele Mythen ranken sich um diese „verlorene Kolonie“ und etliche Wissenschaftler haben versucht, das Geheimnis der verschwundenen Siedler zu lüften. Bisher ohne Erfolg. Mich faszinierte diese Geschichte schon seit meiner Schulzeit. Nicht, dass ich mir einbildete, die Lösung des Rätsels finden zu können, aber ein Puzzleteilchen mehr wollte ich dieser großen Suche nach der Wahrheit schon gerne beisteuern. Und mit dem Schriftstück glaubte ich, einen bedeutenden Fund gemacht zu haben.
    „Rodriguez Perrez beschreibt die Küste der Carolinas mit den Outer Banks und der Chesapeake Bay sehr präzise für die damalige Zeit. Er erreichte tatsächlich die Insel Roonock im heutigen North Carolina und ging an Land. Er fand jedoch nur Überreste der Siedlung. Auch die Holzpfosten mit der Inschrift waren verschwunden, welche die Siedler angeblich hinterlassen hatten, bevor sie die Siedlung verließen.“
    „CROATOAN!“, raunte Addy vielbedeutend.
    Natürlich kannte auch sie die Legende, der zufolge die Siedler das Wort CROATOAN in einen Pfahl geritzt hatten, um der Mannschaft des ausbleibenden Versorgungsschiffes mittzuteilen, wohin sie gegangen waren. Einige Wissenschaftler vermuteten, dass damit das Dorf Croatan der Roanoke-Indianer gemeint war, das sich damals in der Nähe der Siedlung befunden haben soll.
    „Wenn du mich fragst“, warf Ben ein, „dann ist das auch so gewesen. Es ist die logischste Erklärung. Den Siedlern ging es dreckig, weil der Nachschub aus England ausblieb, und sie haben sich aus Verzweiflung den Indianern angeschlossen. Außerdem heißt es doch, dass neu eingetroffene Auswanderer Jahrzehnte später in dem Indianerdorf auf hellhäutige Ureinwohner mit grauen Augen gestoßen seien, die sogar auch noch Englisch sprachen.“
    „So sagt es zumindest eine englische Quelle von 1880. Aber dafür gibt es keinerlei Beweise und zu der Zeit gab es schon eine Menge weißer Sieder, die sich mit den dortigen Stämmen vermischt haben könnten.“
    „Und die Steine?“, fragte Ben weiter.
    „Die Steine, die man 1937 in den Sümpfen auf dem Festland gefunden hat, sind mit großer Wahrscheinlichkeit Fälschungen.“
    „Aber ich habe gehört, dass einige behaupten, sie seien vielleicht doch echt“, sagte Addy.
    Ich nickte. Einige Archäologen und Historiker hielten die „Dare Steine“, wie sie auch genannt wurden, für authentische Zeugen einer entbehrungsreichen Suche nach einem neuen Zuhause in der Wildnis Nordamerikas. Auf achtundvierzig Steinen, die nacheinander an verschiedenen Orten in North Carolina gefunden worden waren, soll die Tochter von John White, dem ersten Gouverneur von Roanoke, die Geschichte ihrer Flucht hinterlassen haben. Es waren Hinweise für ihren Vater, der zurück nach England gesegelt war, um Nachschub zu holen. Er kehrte erst drei Jahre später zurück, fand aber weder eine Spur von seiner Tochter noch von den anderen 128 Siedlern. Die fliehende Eleanor mit ihrer kleinen Tochter Virginia auf dem Arm, die nebenbei das erste englische auf amerikanischen Boden geborene Kind war, wurde über die Jahrhunderte zu einer berühmten Figur der Folklore. Die Steine behaupteten, Eleanor sei von der Insel Roanoke aufs Festland geflohen, wo ihre Tochter und ihr Mann bei einem Angriff der Wilden gefallen seien. Danach habe sie sich einem unbekannten Stamm angeschlossen und den Häuptling geheiratet. Der letzte Stein kündete von ihrem Tod und der Hinterlassenschaft einer Tochter namens Agnes. Über ihr wahres Schicksal allerdings war nichts bekannt. Bis heute wusste niemand, was aus ihr und Virginia geworden war. Ich selbst hatte die Steine nie gesehen. Sie lagerten angeblich im Tresor irgendeiner Universität an der Ostküste. Ob tatsächlich etwas an der Geschichte dran war, wusste ich nicht. Dazu hätte ich die Steine gerne einmal selbst untersucht.
    Ich zuckte mit den Schultern, als Antwort auf Addys Aussage.
    „Und was ist mit der Theorie, dass die Siedler mit ihren kleinen Booten die Reise nach England versucht haben und dabei ertrunken sind?“, fragte Ben.
    Ich wischte mit der Hand durch die Luft. „Unter den Siedlern waren keine Seeleute gewesen, das ist belegt. Eine solch gefährliche Reise ohne Ahnung von der Seefahrt hätte niemand gewagt. Das wäre glatter Selbstmord gewesen. Ich glaube, die Leute waren zwar verzweifelt aber nicht dumm!“
    Ben hob beide Hände: „Du bist der Experte!“
    „Richtig!“ Ich lächelte. „Und der Experte erzählt euch jetzt, was noch in dem Bericht von Rodriguez Perrez stand.“ Ich machte eine Pause, um die Spannung zu erhöhen. „Der spanische Kapitän segelte mit seinen beiden Schiffen von Roanoke aus weiter nach Norden und stieß dort auf eine weitere völlig unbekannte Siedlung. Angeblich hatten nicht einmal die Engländer eine Ahnung davon, obwohl die Einwohner der neuen Kolonie einen englischen Dialekt sprachen. Als Standort beschreibt Rodriguez Perrez eine markante Flussmündung und eine halbmondförmige Bucht. Der Wald war ungewöhnlich dicht und erstreckte sich bis an den Strand. Kein Mensch war zu sehen, aber am Horizont stieg eine Rauchwolke vom Wald aus senkrecht in den Himmel. Der Capitán ließ Anker werfen und ging an Land. Nachdem er am Strand nichts Besonderes entdecken konnte, schlug er sich mit seinen Männern in den Wald. Hinter einem undurchdringlichen Dickicht entdeckte er schließlich eine Lichtung, auf der sich eine unglaublich riesige Ansammlung von Häusern befand. Er beschreibt die Ausdehnung der Siedlung so groß wie die einer ausgewachsenen Stadt.“
„Das ist unmöglich. Zu dieser Zeit gab es noch keine Städte in Amerika“, sagte Ben.
„Wart’s ab, es wird noch fantastischer“, entgegnete ich und fuhr mit Rodriguez Perrez‘ Bericht fort: „Leider konnte der Capitán nur die Dächer der Häuser erkennen, denn die Kolonie war von einer sehr hohen Mauer umgeben. Und als er in den Himmel schaute, stellte er fest, dass es keine Rauchwolke gewesen war, die er vom Schiff aus gesehen hatte. Im Zentrum der Stadt erhob sich ein Turm, der höher war als die Pyramiden von Gizeh!“
Ben stieß ungläubig Luft aus. „Die höchsten Türme damals waren die Kathedralen Europas. Und der erste Wolkenkratzer, der hier an der Ostküste der USA gebaut wurde und die Hundert-Yards-Marke geknackt hat, war das New York World Building von 1889!“

Porterville, Folge 2 “Die verlorene Kolonie”
Anette Strohmeyer