Porterville, Folge 7

Dreißig Sekunden nach dem Ereignis

Verstört irrlichtert Martin Preys Blick in der Crenlynn-Kammer umher, streift die erschütterte Madam Secretary und ihren kreidebleichen Mann Randolph, den blondmähnigen Football-Fan, dessen Zahnpasta-Lächeln einer Grimasse des Schreckens gewichen ist, meinen Leibwächter Clark, der jetzt mitten in der Bewegung erstarrt und vom bluttriefenden Attentäter ablässt, und richtet sich schließlich auf mich. Seine bebende Stimme ist von Angst und Fassungslosigkeit verzerrt.
„Ich verstehe nicht. Wo … wo sind wir?“
Törichter Narr. Nicht das Wo ist es, das alle bis ins Mark erschüttert, sondern das Wann …
Auch meine Selbstbeherrschung erlischt wie eine Kerze im Sturmwind, als mir die brachiale Tragweite der vier digitalen Ziffern auf der Datums-Anzeige bewusst wird:

1 5 8 4

„Transfer beendet“, verkündet die Computerstimme aus den beiden Lautsprechern, und mit einem hellen Piepton schaltet sich der Außenmonitor wieder ein.
Doch da draußen ist … nichts.
Nichts außer dichten, weißen Schwaden.
Keine Welt. Kein Sein.
Nur Nebel.

„Oh, mein Gott …“
Es waren meine Lippen, die diesen Satz formten, doch sie erscheinen mir fremd und fern.
Es gibt kein Vokabular, das dieser Katastrophe gerecht werden könnte. Jeder Begriff, jeder Versuch einer Bezeichnung muss im Angesicht allumfassender Endgültigkeit in sich zusammenfallen.
Ein Käfer kann den Mond vom Himmel stürzen sehen, doch er vermag es nicht in Worte zu fassen.
Genauso fühle ich mich in diesem Augenblick. Jeder Sprache beraubt.
Und dennoch existiert in der Terminologie unserer Wissenschaftler ein unscheinbares Akronym, das dem Unfassbaren, dem Undenkbaren einen Namen verleiht: LIT

“Lost in time”

Porterville, Folge 7 “Götterdämmerung”
Hendrik Buchna