Porterville, Staffel 2

Porterville, 0048

Erst sind es nur ein paar einzelne Tropfen. Schließlich sind es so viele, dass sie sich zu einer Pfütze auf der gläsernen Schreibtischplatte vereinigen.
Dann hört es auf.
Ich brauche ein paar Sekunden, um zu kapieren, dass ich gerade auf mein eigenes Blut starre.
Diese beschissene Droge versetzt einen nicht nur in gute Laune, sondern hat bisweilen üble Nebenwirkungen und schränkt gewisse Körperfunktionen ein. Es kann auch schon mal vorkommen, dass man sich spontan übergibt. Daher nehme ich Chandra ausschließlich in den eigenen Wänden ein. Obwohl das Zeug nur noch wenig mit dem guten alten Chandra zu tun hat. Es ist mit irgendwelchen Chemikalien gestreckt worden. Daher wandelte sich das ehemals wunderbar anzuschauende Türkis der gallertartigen kirschgroßen Kugeln in ein stumpfes Grau. Als seien sie mit Nebel gefüllt.
Der Kerl namens Lukas, der mich mit diesem Schrott-Chandra und diversen anderen Substanzen versorgt, behauptet, ich bekäme immer nur die allerbeste Qualität.
Ich glaube ihm sogar, denn niemand in seiner Position traut sich, einen Howard K. Brenner reinzulegen. Der Markt ist eben leer gefegt. Man muss sich behelfen.
Ohne Stimmungsaufheller bringen mich die immer häufiger auftretenden Schmerzen in meinen Eingeweiden um. Das ist die Quittung für mein wildes Leben. Ich kann froh sein, wenn das Blut nur aus der Nase tropft. Ein Besuch bei einem Experten der Instanz für Gesundheit, also einem echten Mediziner, nicht einem Laiendarsteller fürs gemeine Volk, kommt nicht in Frage.
Zu groß ist die Gefahr, dass sein Bericht an Stellen gelangt, die für meine Ablösung und Schlimmeres sorgen würden. Eleanor, die Frau des Bürgermeisters, wartet nur auf so eine Gelegenheit.
Howard K. Brenners Zustand ist eindeutig auf langjährigen und übermäßigen Konsum von diversen Rauschmitteln zurückzuführen. Es besteht die Befürchtung, dass er nicht mehr in der Lage ist, weiterhin eine Führungsstelle innerhalb der Verwaltung einzunehmen.
Was soll ich darauf erwidern? Dass diese heruntergekommene Stadt nicht bei klarem Verstand zu ertragen ist? Das wird wohl kaum funktionieren.
Ich greife nach der Holzschachtel mit den Vanille-Zigarillos und öffne sie. Auf dem Boden der Schachtel hockt ein fetter Greybug. Er hat einen Zigarillo komplett verputzt und macht sich gerade über den zweiten und gleichzeitig Allerletzten her.
Wie ist das Vieh da reingekommen?
Mit einem Wutschrei ramme ich ihm einen stählernen Brieföffner in den widerlich grauen Körper. Seine Beine zappeln hektisch, eine gelbliche Masse spritzt aus der Wunde und der graue Käfer verreckt in meiner Zigarilloschachtel.
Deckel zu!
Damit sind meine eigenen Zigarillo-Vorräte erschöpft. Ich werde den Besuch bei dem Verwirrten daher wohl vorverlegen müssen.
Die Wut darüber hat mich zu hastig aufstehen lasten. Der Raum schwankt vor meinen Augen. Bittere Galle schießt mir in die Speiseröhre. Meine tastende Hand verfehlt die Stuhllehne und greift ins Leere. Ich spüre die Beine nicht mehr und lande ungebremst auf dem Fußboden.

Irgendjemand wispert in mein Ohr. Ich öffne die Augen und wende den Kopf zur Seite.
„Häh?“, mache ich.
Da ist niemand außer mir im Raum. Meine Sinne werden zweifellos von den miesen Drogen getäuscht. Es ist nicht das erste Mal, dass ich mir einbilde Geräusche oder Stimmen zu hören, wo gar keine sind.
Während ich mich mühsam aufrichte, ertastet meine Zunge einen lockeren Schneidezahn. Auch das noch!
Nur mit einer zu weiten Unterhose bekleidet – ich habe in der letzten Zeit deutlich an Gewicht verloren – stehe ich nach Atem ringend vor meinem Schreibtisch. Ich verspüre einen stechenden Schmerz am linken Fuß, mache einen Satz und entdecke einen zweiten Greybug, der soeben seine Beißwerkzeuge in meinen großen Zeh versenkt hat. Ich versuche ihn abzuschütteln, aber der Käfer lässt nicht locker. Mir bleibt nichts anderes übrig, als das Vieh mit den bloßen Fingern zu entfernen.
Der Greybug fühlt sich kalt und etwas glitschig an. Ich schleudere ihn gegen die Fensterfront. Er hinterlässt dort einen Schmierfilm, fällt auf den Teppich und rast davon.
An meinem Zeh sind zwei winzige Einstichlöcher zu erkennen. Zum Glück sind diese Eindringlinge aus dem Draußen nicht giftig. Behaupten zumindest die Wissenschaftler. Trotzdem bilden sie eine Gefahr für Kranke und Säuglinge.
Greybugs fressen absolut alles. Auch einen unachtsamen Howard K. Brenner.
Ich beschließe, mir möglichst bald eine der neuartigen Fallen zu besorgen. Sie wurden erst kürzlich entwickelt und sind nur der Elite vorbehalten. Also auch für mich, schließlich leite ich offiziell immer noch die Umsiedlung, Umerziehung und Neueingliederung von auffälligen Subjekten. Auch wenn mittlerweile die IFIS, die Instanz für Innere Sicherheit, die meisten Aufgaben übernommen hat. Vor allem die Drecksarbeit. Was mir nur recht ist. Schließlich wurde mir von allerhöchster Stelle eine zusätzliche Aufgabe übertragen: Die Überwachung des wichtigsten Idioten der Stadt.
Dann wollen wir mal! Ich muss mir nur noch was anziehen. Obwohl es dem Burschen mit dem weich gekochten Verstand völlig egal ist, ob ich nackt oder im Smoking bei ihm auftauche.
Aber ich werde vorher noch bei Lukas vorbeischauen. Er sprach letztens von einer neuen Alternative zu Chandra. Etwas mit weniger oder vielleicht sogar überhaupt keinen Nebenwirkungen.
Ich werfe mir gerade ein Jackett über, als sich der Monitor im Wohnzimmer einschaltet. Ich muss vergessen haben, die Automatik abzustellen. Ein weiteres Privileg der Elite. Normalsterbliche können zu jeder Tages- und Nachtzeit von den Sendungen der Regierung berieselt werden. Es ist ihnen lediglich erlaubt, die Lautstärke zu verringern.
Ein kleines Mädchen mit rotblonden Locken erscheint auf dem Bildschirm.
„Puh!“, macht sie, wischt sich nicht vorhandenen Schweiß von der Stirn und setzt ein Glas mit einer weißen Flüssigkeit an die Lippen. Sie leert es mit gierigen Schlücken und strahlt mich an.
Die Kamera entfernt sich von ihr und man sieht, dass sie auf einer grünen Wiese steht. Eine Kuh – sie wirkt absolut echt, obwohl sie wie die Wiese von einem Computerprogramm erschaffen wurde – kommt von rechts ins Bild und stupst das Mädchen mit der Nase an. Die Kleine kichert und eine warme Männerstimme aus dem Off sagt: „Trinkt mehr Milch! Denn Milch ist pure Lebenskraft!“
Mir kommt es wieder hoch. Ich weiß, dass Greybugs ein wesentlicher Bestandteil dieser sogenannten Milch sind.

Ich werde zu Fuß gehen. Natürlich erlaubt es mir meine Führungsfunktion, auch einen der Busse anfordern. Aber bin sicher, dass meine Fahrt registriert und von irgendeinem übereifrigen Schnüffler ausgewertet wird. Mittlerweile legt hier jeder Dateien über jeden an. Selbst die IFIS, die Instanz für Innere Sicherheit, bespitzelt sich gegenseitig. Misstrauen ist eine der drei effektiven Antriebskräfte, die Porterville am Leben erhalten. Die zweite ist die Korruption. Die dritte, die nach wie vor hervorragend funktionierende Manipulation der Jugend.
Kaum habe ich den Sato-Tower verlassen, schlägt mir eine unangenehm stickige Luft entgegen. Durchsetzt von einer Mischung aus Chemikalien und Fäulnis.
Es gibt in der letzten Zeit immer wieder Probleme mit den Filteranlagen, durch die frische Luft aus dem Draußen in die Stadt gepumpt wird. Sie sorgen dafür, dass wir unter unserem undurchlässigen Schutzschirm nicht ersticken.
Ich versuche, möglichst flach zu atmen.
Ein paar Meter weiter stehen sechs Mädchen in ihren Schuluniformen. Keine von ihnen ist älter als vierzehn. Sie halten ein großes und ziemlich geschöntes Portrait von Eleanor Dare-Sato und Plakate mit Sprüchen wie Ein gesunder Gen-Pool für eine gesunde Zukunft und Fleiß statt Körperlichkeit hoch.
Ein Mädchen mit eingemeißeltem Lächeln reicht mir einen Handzettel. Ich lasse ihn gleich in der Jackentasche verschwinden.
Ich kenne den Inhalt. Eleanor Dare-Sato ruft zum Verzicht von körperlicher Liebe auf. Kindermachen wird von ihr als Reproduktion bezeichnet. Die dafür geeigneten Partner sollen von den zuständigen Instanzen ausgewählt werden.
Das ist krank. Eine Geschlechtertrennung im Schulwesen reicht ihr längst nicht mehr aus. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ein entsprechendes Gesetz in Kraft tritt.
Dabei kann ich mich aus eigener Erfahrung noch sehr gut daran erinnern, dass die Gattin des Bürgermeisters der körperlichen Liebe überaus zugetan war.
Heute verteufelt sie die fleischliche Lust als kontraproduktiv, als Verschwendung und Fehlleitung von Ressourcen. Ihre absurden Ansichten überträgt sie sogar auf die Elite der Stadt. Vor ein paar Tagen erhielt ich eine Notiz vom Bürgermeister. Ich solle auf Wunsch seiner Gattin meine Aktivitäten bezüglich junger Frauen zukünftig etwas weniger offensichtlich betreiben. Es war wohl selbst ihm zu peinlich, mir das ins Gesicht zu sagen.
Ich habe mir allerdings schon längst ein zweites Apartment für die sogenannten Aktivitäten außerhalb des Towers zugelegt. Wohnraum gibt es in Porterville reichlich.
Ein Segen, dass Sato mich braucht. Sonst würde ich vermutlich zukünftig ein öffentliches Keuschheitsgelübde ablegen müssen. Einige Arschkriecher sind da schon freiwillig vorgeprescht. Wie der Leiter der Instanz für Gesundheit. Stellt sich vor die Kameras und gelobt mit der Miene eines Betbruders ewige Keuschheit, um sich so voll und ganz seinen Aufgaben widmen zu können.
Widerlich! Soll er sich doch gleich kastrieren lassen.
Früher war die Gegend um den Sato-Tower das exklusive Herzstück der Stadt. Jetzt ziehen überall Verwahrlosung und Verfall ein.
In der nächsten Seitenstraße muss ich einen Bogen um ein Mauerstück machen, das bei einem der letzten Erdbeben aus einer Hausfassade gebrochen ist, um auf dem Bürgersteig zu zerschellen. Die Straßendecke wird von einem fingerbreiten Riss durchzogen, aus dem unablässig Greybugs hervorkriechen.
Ein paar Jungen in grauen Overalls sammeln die Käfer mit mechanischen Greifern ein, zerschneiden sie mit einem scharfen Messer und werfen die Reste in einen Container. Sie ahnen natürlich nicht, dass die toten Greybugs später zu einem Hauptbestandteil ihrer Nahrung verarbeitet werden

Porterville, die zweite Staffel
Das dunkle Geheimnis einer Stadt